Beratung für Eltern von behinderten Kindern: Glück neu definieren

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Weder in der Schwangerschaft noch danach gehen Eltern davon aus, dass etwas Schlimmes passieren könnte. Ganz im Gegenteil! Gemeinhin herrscht die Vorstellung eines gesunden Kindes vor. Wird diese erschüttert, fällt man nicht selten in ein tiefes Loch. Die Behinderung und/oder Erkrankung des ersehnten Nachwuchses als Gegebenheit zu akzeptieren und das eigene Glück neu zu definieren, ist eine Aufgabe, die ruhig Zeit brauchen darf. Beratung kann auf diesem Weg eine sinnvolle Stütze sein.

Zwischen Vorstellung und Realität: Das Bild vom „perfekten Kind“ loslassen

Unsere Gesellschaft ist bekanntlich wenig inklusiv. So gelten Menschen ohne Beeinträchtigung gemeinhin als „normal“ und bilden unsere gesellschaftliche Realität ab. Pränatale Diagnostik bietet mittlerweile zudem vielfältige Möglichkeiten und trägt unter anderem dazu bei, Ungeborene mit Behinderung ganz einfach auszusortieren. Ohnehin findet sich in unserer (Leistungs-)Gesellschaft wenig Platz für Menschen mit Behinderung, die vorschnell in die Schublade „unselbständig“ und „unproduktiv“ gesteckt werden. Wen wundert es da, dass die Vorstellung eines Kindes mit Behinderung gesellschaftlich de facto gar nicht vorhanden ist? Sowohl die werdenden Eltern als auch das direkte Umfeld gehen ganz selbstverständlich von einem gesunden Kind aus. Einem, das der Norm entspricht. Ist das nicht der Fall, verliert man häufig den Boden unter den Füßen und fällt in ein tiefes Loch.

Wenn die heile Welt zerbricht: Eltern im Ausnahmezustand beraten

Ob noch im Mutterleib oder nach der Geburt – erhält das Kind die Diagnose einer Behinderung, bringt das die heile Welt der Eltern gehörig ins Wanken. Die Erschütterung ist groß und stellt Betroffene vor unendlich viele Fragen. Nicht selten ist weniger die Behinderung selbst das Problem, sondern all das, was damit verbunden ist. Das mögen ganz unterschiedliche Dinge sein. Mit einem jedoch haben auf die eine oder andere Weise alle Betroffenen zu kämpfen:

Dem Verlust von Kontrolle!

Der enorme Kontrollverlust wird in jeder Hinsicht schlagend. So muss man sich schmerzlich eingestehen, dass man es nicht in der Hand hat, wie das eigene Kind ist, oder wie es sich entwickelt. (Nebenbei gesagt: Das trifft auch unabhängig von jeder Beeinträchtigung zu!) Eine Garantie für ein gesundes Kind gibt es eben nicht – für niemanden!

Darüber hinaus haben wir auch keine Kontrolle über die Reaktionen des Umfeldes. Im Gegenteil, man ist ihnen mehr oder weniger schutzlos ausgeliefert. Von „Habt ihr das nicht gewusst? Es gibt doch pränatale Diagnostik!“ und „Es tut mir so leid!“ über „So ein Kind muss man doch heutzutage nicht mehr bekommen!“ bis hin zu „Das wird jetzt herausfordern für euch.“ und „Also ich bewundere dich. Ich könnte das nie!“ ist die Bandbreite groß.

„Gut gemeint“ ist eben nicht immer „gut“! Bei genauerer Betrachtung ist so manche (kränkende) Bemerkung allerdings nicht zuletzt auf Abwehrmechanismen zurückzuführen. Das Umfeld distanziert sich eben auch sprachlich, denn Behinderung macht Angst und konfrontiert uns damit, dass wir sie einfach nicht haben, die so heiß begehrte Kontrolle! Dass sich Menschen das Recht herausnehmen, zu urteilen und nach Gründen zu suchen, wo es keine gibt, sorgt für eine tiefe Kluft.

So gesehen fallen Eltern mit Kindern mit Behinderung oftmals nicht nur in ein tiefes Loch, sie fallen gleichzeitig auch aus der Normalität der Gesellschaft heraus.

Die emotionale Krise begleiten: Wenn die Eltern in ein tiefes Loch fallen

Die Ungewissheit, mit der man plötzlich konfrontiert ist, lässt Eltern behinderter Kinder häufig tief fallen. Viele der aufkommenden Ängste, Sorgen und Befürchtungen sind dabei gesellschaftlich geprägt. Immerhin leben wir in einer Leistungsgesellschaft. Das wirft die Frage auf, wo das eigene Kind künftig verortet sein wird, beziehungsweise verortet sein kann. Und man selbst? Wird man seiner Berufstätigkeit unter diesen veränderten Umständen überhaupt weiterhin nachgehen können und wenn ja, wie?

Als pflegender Elternteil drohen Einbußen – gesellschaftlicher, finanzieller und privater Natur. Da gesellschaftliche Strukturen wenig inklusiv sind, bleiben dem Kind darüber hinaus viele Möglichkeiten verwehrt. Freie Kindergarten- oder Schulplatzwahl? Ein frommer Wunsch! Für Eltern von Kindern mit Behinderung existiert diese meist nur auf Papier. Auch im Hinblick auf Ausbildung und Berufswahl sieht es düster aus. Ganz zu schweigen davon, dass auf dem Weg dorthin Unmengen von Stolpersteinen zu bewältigen sind, was auf Dauer mürbe macht.

Die individuelle Auseinandersetzung verlangt Eltern von besonderen Kindern ebenfalls einiges ab. Die Wunschvorstellung vom „erträumten und perfekten Kind“ aufzugeben und die Beziehung zum Nachwuchs neu zu gestalten, ist mitunter ein beschwerlicher Prozess. Dazu kommt häufig der nicht abschätzbare finanzielle und zeitliche Aufwand, der sowohl von benötigten Therapien und Heilbehelfen abhängt als auch davon, in welchem Ausmaß der Berufstätigkeit weiterhin nachgegangen werden kann.

Nicht zuletzt nimmt das Leben mit einem behinderten Kind oftmals auch Einfluss auf das Privat- und Sozialleben. Neben der Liebesbeziehung und dem Familienleben rücken hier auch Freundschaften und andere soziale Kontakte nach außen in den Fokus. Familien mit einem Kind mit Behinderung haben ein größeres Risiko in gesellschaftliche und soziale Isolation zu rutschen, was Ängste und das Gefühl von Hilflosigkeit und Ohnmacht auslösen kann. Die allgemeine Mehrfachbelastung, der Eltern mit besonderen Kindern ausgesetzt sind, kann diese in so manche Krise stürzen.

Psychosoziale Beratung unterstützt dabei, die Krise als Chance für Veränderung und Wachstum zu nutzen!

Der Wendepunkt – Unterstützung für Eltern von Kindern mit Behinderung: Glück neu gedacht

Bevor sich das Glück neu definieren lässt, ist oft einiges an mentaler Arbeit notwendig. Die Akzeptanz der Umstände, des Nichtkontrollierbaren und der Behinderung des Kindes solche, ist nicht immer einfach. Beratung kann nicht nur dabei helfen, sich auf den Weg zu machen, sie ermöglicht es ebenso, diesen so gut wie möglich zu bestreiten.

Themen und Aspekte, die in der Beratung von Eltern besonderer Kinder aufgegriffen werden können:

  • Die Auseinandersetzung mit/ die innere Integration der Behinderung des Kindes
  • Allgemeine Entlastung
  • Die Auseinandersetzung mit den eigenen Erwartungen und jenen des Umfeldes sowie den Unterschied zwischen beidem zu spüren
  • Neugestaltung und neue Perspektiven schaffen
  • Arbeit an Prioritäten und Zielen im Leben, die eventuell neu definiert werden müssen
  • Unterstützung bei Fragen zur/ im Rahmen der Behinderung (z.B.: finanzielle Unterstützung, Hilfsangebote, Vernetzungsangebote, Konflikte und Schwierigkeiten im Familiensystem oder außerhalb etc.)

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