Kann ich das? Oft wird eine klare Antwort erwartet: Ja oder Nein. Nicht nur in der Schule oder im Beruf, sondern auch in Beziehungen.
„Können“ wirkt eindeutig – aber ist es das wirklich?
Unsere Leistungsgesellschaft funktioniert dabei ziemlich „schlicht“: Kannst du das? Dann bekommst du eine gute Note. Kannst du das? Dann wirst du für den Job genommen. Kannst du das? Dann bestehst du die Prüfung. Das klingt zunächst logisch.
Aber wenn wir genauer hinschauen, zeigt sich: Es kann sein, dass ein Mensch am Tag einer Prüfung, einer Schularbeit oder eines Gesprächs einfach einen schlechten Tag hat, emotional belastet ist oder einen „Gedankenstau“ erlebt – und dadurch nicht mehr zeigen kann, was er eigentlich „kann“. Das passiert allen. Wir funktionieren schließlich nicht wie Maschinen.
Noch einen Schritt weiter: Ich höre immer wieder Fragen wie: „Kann ich mich auf Beziehungen einlassen?“, „Kann ich auf Menschen zugehen?“, „Kann ich Gespräche anfangen, weiterführen oder beenden?“, „Kann ich Zuwendung zeigen?“ usw. Dieses „Können“ ist sozial und emotional – und hier gibt es viel mehr als nur einen schlechten Tag.
In diesen Bereichen ist Können vielschichtiger. Gesellschaftlich werden uns jedoch bestimmte Standards vermittelt, wie Beziehungen und Kontakte „funktionieren“ sollen. So werden Schüchternheit, Scham, Unsicherheit, Angst, Traurigkeit oder Abhängigkeit oft stark negativ konnotiert.
Warum eigentlich? Sind Angst, Schüchternheit oder Scham wirklich Zeichen dafür, dass Menschen etwas nicht können?
Emotionales Können
Aus meiner Sicht bedeutet das Erleben und Zeigen dieser „negativen“ Gefühle im sozialen Kontext vielmehr, dass Menschen etwas können: sich authentisch und verletzlich zeigen.
Die Tendenz unserer Gesellschaft, Unabhängigkeit, Kontrolle, Beherrschtheit und Sachlichkeit in Beziehungen zu verlangen, stammt meiner Meinung nach aus einem „Funktionalitätswahn“.
Natürlich ist es angenehm, wenn alles unbeschwert läuft und Menschen keine großen persönlichen Themen einbringen. Aber was wäre das für eine Welt?
Das betrifft auch meine Arbeit: Ist es wirklich unprofessionell, wenn eine Beraterin gerührt ist und (mit)weint? Wenn sie sich gemeinsam mit dem*rKlient*in ärgert? Wenn sie gemeinsam die Ausweglosigkeit einer Situation spürt? Nicht alles ist immer lösbar, aber oft reicht ein gemeinsamer Raum, um sich entlastet und besser zu fühlen.
Bedeutet es wirklich, dass man nicht funktioniert, wenn man „unangenehme“ Gefühle zeigt? Meiner Erfahrung nach ist ein gewisses Maß an Mitgefühl und emotionalem Mitschwingen etwas zutiefst Menschliches und sogar wertvoll für den Beratungsprozess – solange die eigenen Gefühle nicht den Raum der Klient*innen überlagern.
Aber zurück zum sozialen Können im Alltag, da die Beratung trotzdem ein ganz besonderes Setting ist. Kann eine Person, die in Beziehungen oft verunsichert oder ängstlich ist, beziehungstechnisch weniger? Oder jemand, der sich häufiger schämt und dadurch langsamer öffnet?
Meiner Meinung nach können Menschen nicht „weniger“ in Beziehungen, nur weil sie nicht dem Bild eines „gesunden, abgegrenzten, aber offenen Menschen“ entsprechen. Etwas anderes ist es, wenn Menschen selbst unter ihrem Zustand leiden und sich Veränderung wünschen.
Ich beziehe mich hier also nicht auf individuelles Leid, sondern auf das Gefühl, falsch zu sein oder nicht zu können, das gesellschaftlich vermittelt wird.
Warum gelten Unsicherheiten als etwas, das korrigiert werden muss?
Unsicherheit, Irrationalität, Angst, Emotionalität und starke Gefühle sind nicht kontrollierbar. Wenn sich Menschen anders verhalten als erwartet, verunsichert uns das – ein normaler Mechanismus.
Gesellschaften vermitteln Modelle und Standards, wie Menschen sein „sollten“: in der Schule, im Beruf, in Nachbarschaften, in Beziehungen, als Eltern usw.
Ein gewisses Maß an Normen ist hilfreich. Doch wenn diese nicht hinterfragt werden, können sie zu „Käfigen“ werden.
Menschen, die in einer Leistungsgesellschaft als „fähig“ gelten, haben oft bestimmte Merkmale: Sie sind kognitiv stark, gebildet, freundlich, abgegrenzt, unabhängig und zugleich bindungsfähig. Im besten Fall sind sie sowohl Familienmenschen als auch beruflich erfolgreich, reflektiert, selbstbeherrscht und verfügen über eine gute Work-Life-Balance.
Sie sind weder behindert noch übergewichtig, weder psychisch erkrankt noch „zu extrem“ in ihrem Ausdruck.
Interessant ist dabei, dass emotionalere, „weichere“, weniger abgegrenzte oder auch behinderte bzw. psychisch erkrankte Menschen weniger „funktionieren“ im Sinne einer Leistungsgesellschaft und diese sind auch die Menschen, die leider oft als „unfähig“ gelten. Und genau diese Funktionsfähigkeit wird gesellschaftlich besonders stark belohnt.
Vielleicht ist es wichtig zu reflektieren, dass nicht alles, was gesellschaftlich anerkannt wird, automatisch gesund oder richtig ist. Können ist ein vielschichtiges Konzept.
Was heißt es, etwas zu können?
Das ist eine philosophische Frage, aber vielleicht genügt zunächst die einfache Definition: Jemand kann etwas, wenn die Person eine Aufgabe bewältigt oder meistert.
Dieses Können sagt jedoch nichts darüber aus, ob jemand Unterstützung braucht, emotional unsicher ist, Angst hat oder einen Umweg nimmt. Können ist außerdem – wie am Anfang bereits angedeutet – kein dauerhafter Zustand.
Menschen können nicht immer gleich gut, gleich stabil oder auf dieselbe Weise handeln. Und das macht ihr Können nicht weniger real.
Ein weiterer Punkt: „Gekonnt“ wird, was auch gesellschaftlich geschätzt wird. Wenn ein sechsjähriges Kind aufmerksam bemerkt, dass das Kind neben ihm ein Taschentuch braucht und ihm dieses reicht, ist das ein hohes soziales Können – für ein Kind dieses Alters.
Wenn dieses Kind jedoch schlechte Noten hat, wird es eher als „nicht fähig“ wahrgenommen. Das liegt daran, dass das Schulsystem bestimmte Fähigkeiten stärker bewertet als andere – meist jene, die später für die Leistungsgesellschaft relevant sind.
Das lässt sich auf viele Systeme übertragen. Menschen werden also schnell und oberflächlich in „fähig“ und „unfähig“ eingeteilt.
Der renommierte Chirurg, Familienvater und wohlhabende Mann wird von vielen als „fähiger“ eingeschätzt als die Frau mit paranoider Schizophrenie, die im Bus sitzt, mit sich selbst spricht und Sozialleistungen bezieht.
Doch was sagt das wirklich über Fähigkeit aus?
Vielleicht besteht das Problem darin, dass wir Können mit Erfolg in der Leistungsgesellschaft gleichsetzen.
Behindertes Können?
Ein Schritt weiter ins Thema Behinderung und psychische Erkrankung: Kann ein Mensch mit Behinderung „weniger“?
Die klare Antwort wäre: Nein.
Vielleicht kann er anders – oder andere Dinge auf Ebenen, die gesellschaftlich weniger sichtbar sind. Ein nicht verbaler Mensch kann nicht „weniger sagen“, nur weil er nicht spricht. Diese Erfahrung haben wir alle gemacht – als wir selbst Babys waren und ohne Sprache kommuniziert haben.
Behinderung ist immer relational: Ein Mensch ist nicht „per se“ behindert, sondern im Vergleich zu bestimmten gesellschaftlichen Normen.
Trotzdem neigen wir dazu, Menschen mit Behinderung oder psychischer Erkrankung weniger Können zuzuschreiben. Doch das sagt mehr über gesellschaftliche Maßstäbe aus als über tatsächliche Fähigkeiten.
Vielleicht sollten wir Können als vielschichtig und breit verstehen und Menschen wertschätzen, ohne sie vorschnell in Kategorien wie gesund/krank, fähig/unfähig oder erfolgreich/nicht erfolgreich einzuordnen.
Abschluss
Als Abschluss ein Gedankenexperiment:
Eine junge attraktive Anwältin arbeitet seit kurzem in ihrer eigenen Kanzlei. Diese läuft sehr gut, so sehr, dass sie nicht mehr dazu kommt, ihren Haushalt zu erledigen. Sie stellt eine Reinigungskraft ein, damit ihr Haus nicht verwahrlost aussieht.
Eine ältere Frau mit einer Lernbehinderung lebt allein und ist auf dem zweiten Arbeitsmarkt beschäftigt. Sie kann ihren Alltag meist selbstständig bewältigen, nimmt für ihren Haushalt jedoch die Unterstützung einer Heimhilfe in Anspruch.
Ein Universitätsprofessor kurz vor der Pension hält noch immer gerne seine Vorlesungen. Allerdings braucht er die Hilfe seiner Assistentin, um mit der Technik zurechtzukommen. Ganz egal, wie oft er sich Dinge hat erklären lassen – er ist einfach von der „alten Schule“.
Ein junger Mann mit einer Suchterkrankung sitzt in einem Bus. Er wirkt zwar sehr in sich gekehrt und deutlich von Drogen beeinträchtigt, bemerkt aber, dass ein Kind sein Handy auf dem Sitzplatz neben ihm vergessen hat. Er zögert kurz, da Menschen meist denken, dass er Dinge stehlen will. Trotzdem ergreift er die Initiative, steht auf, läuft dem Kind nach und gibt ihm das Handy zurück.
Und nun fragen wir uns ehrlich: Was würden wir im Alltag als Unterstützung, was als Unselbstständigkeit benennen? Was wird als Unfähigkeit und was als hohe Kompetenz wahrgenommen? Welche Assoziationen hatten wir während des Lesens und warum? Welche dieser Menschen stellen wir uns als erfolgreich vor?
(Bild von Unsplash)