Nur zur Orientierung: Der Begriff Authentizität wird in der Psychologie vielfältig verwendet. In diesem Blogbeitrag verstehe ich Authentizität als „Echt-Sein“ in einer Beziehung, in den sozialen Medien und in unserer Gesellschaft und nicht als eine beraterische oder therapeutische Haltung.
Die Begriffe Authentizität und Echtheit sind in unserer Gesellschaft allgegenwärtig. Sowohl in der Arbeitswelt als auch in den sozialen Medien wird oft gefordert oder empfohlen: „Sei du selbst.“, „Zeig dich, wie du bist!“, „Persönlichkeit statt Positionierung.“ Doch ist unsere Gesellschaft wirklich so förderlich für Echtheit? Bekommen Menschen überhaupt das richtige Umfeld, um authentisch zu sein? Und was bedeutet es eigentlich, echt zu sein? Ist Echtheit mit völliger Transparenz gleichzusetzen? Und wäre das überhaupt wünschenswert?
Sich echt zu zeigen
Vielleicht ist gar nicht gemeint, dass wir echt sein sollen, sondern vielmehr, dass wir Authentizität zeigen müssen. In diesem Sinne wird Authentizität selbst wieder zu einer Aufforderung, auf eine bestimmte Weise zu sein.
Gerade in den sozialen Medien wird der Begriff Authentizität immer häufiger verwendet. Doch was wir dort tun, ist nicht sein, sondern uns zeigen. Was meine ich damit? Auch wenn heute häufig Echtheit gefordert wird, ist klar, dass wir in den sozialen Medien nicht erlebt, sondern gesehen werden.
Was ist also der Unterschied zwischen sich selbst zu zeigen und einfach zu sein?
Beginnen wir mit dem Sich-selbst-Zeigen. Wir präsentieren eine Version von uns selbst. Wir entscheiden mehr oder weniger bewusst, wie viel wir von uns preisgeben – durch Bilder, Erzählungen von Erinnerungen, lustige Anekdoten oder indem wir unsere Haltung zu bestimmten Themen sichtbar machen. Das kann sowohl in persönlichen Beziehungen als auch über soziale Medien geschehen.
Warum erwähne ich soziale Medien überhaupt? Weil sie heute eine zentrale Rolle spielen. Menschen können dort sehr viel über andere erfahren: Fakten, Bilder, Einblicke in den Alltag – je nachdem, wie viel jemand von sich teilt. Manche Menschen machen ihr tägliches Leben zum Content. Das wäre für mich ein Beispiel dafür, sich selbst zu zeigen.
Doch wie unterscheidet sich dieses Sich-selbst-Zeigen in sozialen Medien vom Sich-selbst-Zeigen in einer Beziehung?
Sich echt zu posten vs. sich echt zu zeigen
Was ist daran eigentlich anders?
1. Kontrolle
Wenn wir etwas von uns posten, haben wir nur begrenzt Kontrolle darüber, wie es beim Publikum ankommt. Gleichzeitig bekommen wir die Reaktionen oft gar nicht unmittelbar mit. Falls Kommentare kommen, enthalten sie häufig Bestätigung. Und selbst wenn sie negativ ausfallen, berühren sie uns nur so weit, wie wir sie an uns heranlassen. Außerdem kennen wir die Menschen, die kommentieren, meistens gar nicht. Wir entscheiden also bis zu einem gewissen Grad selbst, ob wir Kommentare lesen, beantworten, löschen oder ihnen überhaupt Bedeutung geben wollen.
Anders ist es, wenn wir einer Person direkt gegenüberstehen. Zeigen wir uns in einer Beziehung auf eine bestimmte Weise, erleben wir die Reaktion ungefiltert. Wir erhalten unmittelbares Feedback darauf, wie wir wirken. Die andere Person bildet sich eine Meinung über das, was wir zeigen – und diese können wir nicht mehr kontrollieren. Wir können ihre Meinung nicht einfach löschen. Die „echten“ Beziehung entzieht sich noch mehr unserer Kontrolle.
2. Der Wert der Begegnung
Wenn wir uns jemandem zeigen, der uns wirklich wichtig ist, wird es emotional deutlich intensiver. Warum? Weil die mögliche Konsequenz einer Ablehnung wesentlich schmerzhafter ist. Beim Posten sind wir in der Regel geschützter.
3. Inszenierung
In sozialen Medien zeigen wir uns immer auch so, wie wir gesehen werden möchten. Wenn ich einen Beitrag mit dem Titel „Meine Cellulite und ich“ veröffentliche, möchte ich vielleicht besonders emanzipiert, selbstbewusst oder frei wirken. Wenn ich poste, wie gut ich meine Kinder erziehe, werde ich wahrscheinlich nicht gleichzeitig die Momente zeigen, in denen ich sie vor den Bildschirm setze, weil ich nach einem Streit mit meiner Freundin einfach eine Pause brauche. Und selbst wenn ich mich ungeschminkt und weinend zeige, entscheide ich mich bewusst dafür, genau diesen Moment zu teilen.
Das bedeutet: Die Authentizität, die wir zeigen, ist immer auch eine ausgewählte Authentizität. Damit möchte ich keineswegs behaupten, dass sie unecht ist. Vielmehr handelt es sich um das Zeigen von Echtheit. Das soll auch keine Kritik an die sozialen Medien sein. Ich nutze sie selbst, finde sie unterhaltsam und sehe grundsätzlich nichts Problematisches daran. Schwierig wird es erst dann, wenn sie Beziehungen ersetzen.
Schauen wir nun auf zwischenmenschliche Beziehungen. Natürlich gibt es auch dort Inszenierung. Dennoch ist sie deutlich weniger kontrollierbar. Wir können uns nicht dauerhaft verstellen – vor allem nicht gegenüber Menschen, die uns nahestehen. Außerdem entwickelt sich in einer Beziehung meist ein gemeinsames Tempo. Ich zeige etwas von mir, die andere Person zeigt etwas von sich. Es geht also nicht ausschließlich um Selbstdarstellung. Auf einem Social-Media-Account hingegen steht grundsätzlich die eigene Person im Mittelpunkt. Deshalb ist Selbstinszenierung dort wesentlich präsenter.
Sich selbst zu zeigen bedeutet also, etwas von sich preiszugeben. Das kann bildlich, verbal oder schriftlich geschehen. Es kann sowohl über soziale Medien als auch innerhalb einer Beziehung stattfinden – unabhängig davon, ob diese virtuell oder persönlich gelebt wird.
Sich authentisch zu zeigen bedeutet, sich darum zu bemühen, ein Bild von sich zu vermitteln, das der eigenen Persönlichkeit möglichst nahekommt.
Und damit stellt sich die nächste Frage:
Wie viel von sich sollte ein Mensch überhaupt zeigen, um authentisch zu wirken?
Wie viel von sich zeigen?
Authentisch zu sein bedeutet für mich nicht, alles ungefiltert von sich preiszugeben.
Natürlich werde ich in den sozialen Medien vor allem Seiten von mir zeigen, die ich gerne teilen möchte. Bei einem ersten Date werde ich vermutlich nicht sofort meine schwierigsten oder verletzlichsten Seiten offenlegen. Und einem Menschen, der mich seit zwanzig Jahren kennt und mir treu geblieben ist, werde ich wahrscheinlich eine deutlich authentischere Version von mir zeigen können. Das ist völlig normal. Es bedeutet nicht, dass wir lügen, sondern nur, dass wir uns – je nach Kontext und Beziehung – unterschiedlich zeigen.
Gehen wir aber noch einen Schritt weiter.
Gerade durch soziale Medien zeigen Menschen heute sehr viel von sich. Oft können wir Menschen, die wir kaum kennen, auf einer Plattform finden und schon einiges über sie erfahren, bevor wir ihnen überhaupt persönlich begegnet sind. Wir kennen ihre Meinungen, sehen Bilder aus ihrem Alltag, erfahren Fakten über ihr Leben oder bekommen Einblicke in lustige und besondere Momente. Gleichzeitig begegnen wir dabei immer einer Form der Selbstinszenierung.
Sobald wir das Profil einer Person besuchen, werden wir gewissermaßen zu ihrem Publikum. So entsteht häufig das Gefühl, diese Person bereits gut zu kennen. Tatsächlich kennen wir aber nur das, was sie uns zeigt. Diese Form des Kennenlernens bleibt einseitig, weil wir zwar Inhalte konsumieren, uns aber noch gar nicht in einer Beziehung zu dieser Person befinden.
Authentizität ist deshalb nicht mit Transparenz gleichzusetzen. Und etwas für sich zu behalten, ist ebenso wenig mit Unehrlichkeit gleichzusetzen.
Geheimnis und Echtheit – ein Widerspruch?
Was bedeutet Authentizität also wirklich?
Viele Menschen setzen authentisch zu sein oder authentisch zu wirken mit völliger Transparenz gleich. Das greift meiner Meinung nach zu kurz. Auch wenn ich viele persönliche Fakten erzähle oder sehr viel von mir teile, bedeutet das noch lange nicht, dass ich authentisch bin.
Die gesellschaftliche Tendenz, immer mehr von sich preiszugeben – sei es über soziale Medien, Dating-Apps oder andere Plattformen –, könnte auf den ersten Blick den Eindruck vermitteln, dass wir heute besonders authentisch miteinander umgehen. Paradoxerweise könnte genau dieses Verhalten die Echtheit einer Beziehung sogar erschweren.
Was meine ich damit?
Wenn sich zwei Menschen kennenlernen, entwickelt sich zwischen ihnen ein gemeinsames Beziehungstempo. Dieses wird von vielen Faktoren beeinflusst: von ihren Persönlichkeiten, ihren bisherigen Beziehungserfahrungen, ihren Ängsten und Unsicherheiten, aber auch von ganz praktischen Umständen wie Zeit oder Lebenssituation.
In diesem individuellen Tempo lernen sich Menschen kennen. Sie erzählen einander Geschichten, Erinnerungen, Fakten und Anekdoten. Allmählich entsteht das Gefühl, die andere Person wirklich kennenzulernen. Vollständig kennen wird man einen Menschen nie – und genau darin liegt auch ein Teil der Schönheit von Beziehungen.
Wenn wir dagegen schon im Vorfeld sehr viel über eine Person erfahren, kann dieses natürliche Kennenlernen beeinträchtigt werden.
Stellen wir uns vor, ich lerne eine Persona kennen, die ich spannend finde, und entdecke anschließend ihr Instagram-Profil. Dort finde ich zahlreiche Bilder, Informationen und Einblicke in das Leben dieser Person. Dadurch entsteht leicht das Gefühl, sie bereits besser zu kennen. Gleichzeitig nimmt das aber auch einen Teil der Spannung und Offenheit des eigentlichen Kennenlernens.
Nicht mehr das gemeinsame Beziehungstempo bestimmt dann, was wir voneinander erfahren, sondern die Selbstinszenierung der einen Person und die Zuschauerrolle der anderen.
Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass es problematisch ist, sich gegenseitig auf Instagram zu folgen. Schwierig wird es erst dann, wenn das natürliche Kennenlernen und das gegenseitige Sich-Zeigen ihren spontanen Charakter verlieren.
Ein Geheimnis kann deshalb manchmal authentischer sein als völlige Transparenz. Klingt das widersprüchlich? Vielleicht.
Wenn ein Geheimnis oder das bewusste Für-sich-Behalten aus einem echten Gefühl heraus entsteht, das sich innerhalb einer Beziehung entwickelt, kann genau das ein Ausdruck von Authentizität sein. Wenn Transparenz und das Preisgeben persönlicher Inhalte dagegen vor allem aus dem Wunsch entstehen, sich zu inszenieren oder gesehen zu werden, dann könnte das paradoxerweise sogar weniger authentisch sein. Dass wir alle gesehen werden wollen und wir das auch brauchen, ist selbstverständlich und menschlich. Hier geht es nur darum, auf welchen Weg wir dieses Bedürfnis erfüllen.
Außerdem glaube ich, dass Geheimnisse ein menschliches Bedürfnis sind. Geschichten oder Gefühle zu besitzen, die nur uns gehören, kann etwas sehr Wertvolles sein. In jedem Menschen gibt es Inhalte, die nicht geteilt werden möchten, andere, die vielleicht noch Zeit brauchen, und wiederum andere, die nur für eine einzige oder wenige vertraute Personen bestimmt sind.
Authentizität bedeutet meiner Meinung nach deshalb nicht, sich unter Druck zu setzen, möglichst viel oder möglichst ungefiltert von sich preiszugeben.
Mut zur Ehrlichkeit und Mut zum Geheimnis
Ehrlichkeit verlangt Mut. Das stimmt – vor allem dann, wenn wir etwas von uns zeigen möchten, wofür wir uns vielleicht schämen, das uns verletzlich macht oder einen Anteil von uns betrifft, den wir selbst ungerne annehmen können.
Eine Person, die eine Affäre hat, wird wahrscheinlich viel Mut brauchen, um dies dem*r anderen Partner*inzu gestehen. Eine Person mit einer psychischen Erkrankung wird diese vermutlich nicht jedem Menschen sofort offenbaren. Queere Menschen outen sich nicht unbedingt gleich an ihrem Arbeitsplatz.
Diese Geheimnisse sind nicht grundsätzlich falsch. Menschen, die nicht alles von sich preisgeben, lügen deshalb nicht. Das bewusste Für-sich-Behalten kann ein legitimer und authentischer Selbstschutz sein.
Ehrlichkeit braucht Mut – aber sie braucht auch Sicherheit.
Genau hier zeigt sich eine Ambivalenz: Wenn wir uns unserem Gegenüber nicht öffnen, werden wir niemals erfahren, ob wir mit diesem Teil von uns angenommen worden wären.
Dieses Dilemma betrifft besonders häufig Menschen, die außerhalb gesellschaftlicher Normen leben. Ob queer, behindert, psychisch krank, polyamor oder arm – wer von gesellschaftlichen Erwartungen abweicht, kennt häufig auch die Angst, sich wirklich zu zeigen.
Gleichzeitig ist dieses Dilemma zutiefst menschlich und betrifft letztlich alle Menschen – unabhängig von ihrer Lebensweise oder einer Behinderung.
Grundsätzlich gilt: Ob wir angenommen oder auf irgendeine Weise geliebt werden, können wir nur erfahren, wenn wir uns auch zeigen. Je höher die möglichen Kosten einer Ablehnung sind, desto größer wird häufig die Angst, dieses Risiko einzugehen. Das ist nicht falsch, sondern zutiefst menschlich. Deshalb verlangt Ehrlichkeit Mut.
Doch was ist das mit dem Geheimnis?
Ich glaube, dass auch das Für-sich-Behalten Mut verlangt.
Wie meine ich das?
Ein Geheimnis zu bewahren, bedeutet oft auch, Menschen zu enttäuschen. Wenn jemand, den wir mögen, etwas Persönliches über uns erfahren möchte, wir aber spüren, dass dieser Teil von uns noch nicht bereit ist, geteilt zu werden, müssen wir den Mut aufbringen, diese Enttäuschung auszuhalten und das Vertrauen darin aufbringen, dass die Beziehung es auch trägt.
In diesem Punkt ähnelt das Geheimnis der Ehrlichkeit. In beiden Situationen nehmen wir in Kauf, dass unser Gegenüber vielleicht mit Unverständnis, Enttäuschung oder Ablehnung reagiert.
Hier liegt der eigentliche Widerspruch: Sowohl Ehrlichkeit als auch das Bewahren eines Geheimnisses können Ausdruck von Authentizität sein. Beide verlangen von uns, Unsicherheit auszuhalten und uns unseren Ängsten zu stellen.
Was ist also ihr gemeinsamer Nenner?
Egal, ob sich jemand dafür entscheidet, etwas von sich zu erzählen oder bewusst für sich zu behalten – wenn diese Entscheidung aus einem authentischen Gefühl heraus entsteht, handelt die Person in diesem Moment echt. Selbst dann, wenn sie sich gerade nicht vollständig zeigt.
Und genau hier liegt der entscheidende Unterschied:
Echt zu sein ist nicht dasselbe wie sich echt zu zeigen.
Diese beiden Dinge hängen nicht zwangsläufig voneinander ab.
Was heißt es, echt zu sein?
Wenn wir einer Person begegnen, die uns viel bedeutet, und wir sie wirklich an uns heranlassen möchten, zeigen wir ihr nicht nur etwas über uns. Wir erlauben ihr vielmehr, unsere Unvollkommenheit zu erleben.
Das ist ein großes Vertrauensgeschenk – und gleichzeitig etwas, das uns stark verunsichern kann.
Warum?
Wenn wir sind, anstatt uns bewusst echt zu zeigen, erzählen wir nicht zwangsläufig etwas über uns. Wir posten keine Bilder und präsentieren nicht unbedingt ausgewählten Ausschnitte unseres Lebens. Stattdessen bringen wir uns mit unseren Gefühlen, Unsicherheiten, Ängsten, Triggern und Momenten von Wut oder Überforderung in die Begegnung ein. Das heißt nicht, dass wir dann keine Inhalte mehr teilen, sondern, dass das nicht der Kern der Beziehung ist.
Dieser Prozess von „ich bringe mich echt in die Beziehung ein“ geschieht nicht (immer) bewusst und ist kaum kontrollierbar. Genau das macht ihn so herausfordernd.
Wenn ich beispielsweise einem Menschen gegenübersitze und unsicher werde, beginnt vielleicht meine Stimme zu zittern oder meine Hände werden unruhig. Vielleicht fällt es mir schwer, klar zu denken. Vielleicht führen mich meine Ängste entweder dazu, zu schweigen, oder sie bringen mich dazu, besonders viel zu reden, um meine Unsicherheit zu überspielen.
Das ist nur ein Beispiel. Es macht aber deutlich, dass unser ganzes Wesen ausdrückt, was in uns vorgeht.
Wenn wir diese Reaktionen nicht verstecken und unserem Gegenüber erlauben, uns so zu erleben, wie wir tatsächlich sind, dann sind wir – meiner Meinung nach – authentisch.
Wir wirken dann nicht authentisch und wir zeigen uns auch nicht authentisch. Wir sind es.
Wie bereits beschrieben, kann sich das umso bedrohlicher und riskanter anfühlen, je bedeutsamer uns die Person gegenüber wird. Dieses Gefühl löst sich mit der Entwicklung der Beziehung normalerweise auf, auch wenn es immer wieder Momente geben kann, in denen Menschen verunsichert werden, wenn sie einfach sie selbst sind.
Wenn Menschen es aber schaffen, sich gegenseitig wirklich zu berühren, die Unvollkommenheiten des anderen auszuhalten oder sogar diese lieben zu lernen, entsteht eine authentische Begegnung.
Eine solche Begegnung ist einzigartig. Sie lässt sich weder planen noch herstellen. Sie entsteht nur im gemeinsamen Erleben und bildet die Basis dafür, dass Beziehungen wachsen können.
Je mehr Menschen bereit sind, sich auf dieses Sein einzulassen, statt authentisch wirken zu wollen, desto lebendiger und natürlicher kann sich eine Beziehung entwickeln.
Wie erreicht man dieses authentische Sein?
Abschluss
Was ich spannend finde? Wir bekommen überall Impulse dafür, wie wir authentisch und echt wirken können. Tipps für mehr Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen, Selbstsicherheit, mehr Ehrlichkeit oder eine klarere Persönlichkeit begegnen uns mittlerweile fast überall.
Darin sehe ich noch einmal einen Widerspruch: Je mehr wir versuchen, etwas zu tun, je mehr wir uns bemühen und unsere Authentizität unter Kontrolle bringen wollen, desto weniger Raum bleibt für das eigentliche echte Sein.
Vielleicht geht es gar nicht darum, etwas Bestimmtes zu tun, um „so oder so“ zu sein. Vielleicht geht es vielmehr darum, sich selbst den Raum und die Geduld zu schenken, sich zu fühlen und sich anzunehmen.
Das ist alles andere als einfach.
Nichts zu tun, sondern einfach für einen Moment zu sein, bedeutet auch, Kontrolle abzugeben und anzunehmen, dass Dinge geschehen dürfen und wir einfach sind, wie wir sind. Ohne Inszenierung. Ohne Publikum. Ohne Selbstdarstellung.
Gerade in unserer heutigen Gesellschaft ist das eine große Herausforderung.
So widersprüchlich es auch klingen mag: Manchmal erleben wir gerade dann mehr Echtheit, wenn wir aufhören, ständig an ihr arbeiten zu wollen. Statt uns ununterbrochen darin zu üben, authentisch zu wirken, dürfen wir lernen, einfach zu sein.
Kontrolle loszulassen und sich auf sich selbst einzulassen, gehört vermutlich zu den schwierigsten Aufgaben überhaupt.
Noch herausfordernder wird es, wenn wir diesen Schritt in einer Beziehung wagen und uns einem anderen Menschen mit all unserer Unvollkommenheit hingeben.
Genau dort kann aber echte Begegnung entstehen.
Dann spielt es letztlich keine entscheidende Rolle mehr, ob wir ein Foto teilen, einen lustigen Spruch posten, einen tiefen Gedanken aussprechen oder eine Erinnerung erzählen. Wenn eine Beziehung auf die Basis beruht, dass Menschen einander erleben dürfen – unvollkommen, verletzlich und echt –, anstatt sich lediglich gegenseitig zu präsentieren, können Begegnungen zu Erfahrungen werden, die uns tief berühren.
Vielleicht liegt genau darin der Unterschied zwischen sich authentisch zeigen und authentisch sein.
Echt zu sein bedeutet dann nicht, möglichst viel von sich zu zeigen. Es bedeutet, einem anderen Menschen zu erlauben, uns so zu erleben, wie wir wirklich sind.
(Bild von Unsplash)