Hier gibt es ein Workbook für die individuelle Vertiefung
Was ist eigentlich Treue?
Wir hören und verwenden den Begriff oft im Alltag, um ein Verhalten zu beschreiben, das normalerweise positiv konnotiert ist.
Eine Person ist treu, wenn sie ihre*n Partner*in nicht betrügt.
Was bedeutet das?
In der Regel wird kollektiv damit gemeint, dass eine Person mit niemandem außer ihrem*r Partner*in Sex hat, sexuelle Handlungen ausführt oder romantische Beziehungen pflegt.
Eine Person, die treu ist, ist also monogam und lebt auch tatsächlich so.
Treue wird fast immer als positive Eigenschaft gesehen, wird aber häufig durch ihr Gegenteil definiert.
Man ist treu, wenn man nicht betrügt oder fremdgeht.
Das ist eigentlich fast so, als würden wir Treue als Gegenteil von Untreue definieren.
Treue an sich bedeutet umgangssprachlich also, etwas Bestimmtes zu unterlassen, und zwar das Fremdgehen.
Die Norm Treue
Warum ist Treue etwas Positives?
In unserer Gesellschaft ist Monogamie etwas relativ Selbstverständliches. Sie ist eine Norm.
Wenn wir an eine Liebesbeziehung denken, denken die meisten von uns an zwei Menschen, die sich lieben und in den meisten Fällen ein Mann und eine Frau sind.
Das heißt, dass die gesellschaftliche Erwartung eine heteronormative und monogame Beziehung ist.
Die Norm klingt ungefähr so:
„Wenn ein Mann und eine Frau sich ineinander verlieben, kommen sie zusammen. Sie sind sich treu, also schlafen sie nur miteinander und lieben nur einander. Im besten Fall gründen sie auch eine Familie.“
Diese Vorstellung ist auch von der christlichen Tradition geprägt.
Darauf basiert das gesamte Konstrukt „Familie“ unserer Gesellschaft.
Wie geht die Gesellschaft dann mit dem Bruch dieser Norm um?
Normalerweise wird dieser als negativ bewertet.
Gesetzlich ist Ehebruch heute nicht mehr strafbar.
Historisch gesehen war diese Handlung jedoch lange strafbar.
Noch tiefer:
Im Mittelalter und bis ins 18. Jahrhundert war in Österreich das Töten der „eigenen“ untreuen Frau zunächst straffrei und später strafgemildert.
Natürlich ist das für unsere heutige Gesellschaft unvorstellbar.
Allerdings bauen gesellschaftliche Normen auf jahrhundertealten Traditionen auf. Diese normative Vorgeschichte macht Fremdgehen für das kollektive Verständnis zu etwas Negativem und Verbotenem, obwohl es heute rechtlich erlaubt ist.
Es ist außerdem spannend zu beobachten, dass gesellschaftlich Treue offenbar auch stärker von Frauen* erwartet wird.
Sätze wie „Männer sind halt so“, „Männer sind Jäger“ oder „Du bist die Frau, du musst den Mann halten“ machen deutlich, dass Untreue bei Männern eher toleriert wird als bei Frauen*.
Es ist gesellschaftlich gesehen nicht gut, wenn Männer fremdgehen, wird aber häufig als „normales männliches Verhalten“ betrachtet und eher hingenommen.
Dass Frauen* ihre Männer betrügen, wird hingegen immer noch als unmoralisch angesehen – noch mehr, wenn sie Mütter* sind.
Sind Männer hingegen Väter, wird häufiger angenommen, dass sie vielleicht unerfüllte sexuelle Bedürfnisse haben, die die Frau*, die inzwischen auch Mutter* ist, möglicherweise nicht mehr erfüllen kann.
Dieses Bild wird natürlich nicht von allen vertreten, taucht aber immer wieder in gesellschaftlichen Erzählungen und Alltagssituationen auf.
Historisch betrachtet ist es ebenfalls eindeutig:
Männer durften im Mittelalter „ihre“ Frauen* bei Ehebruch töten – Frauen* ihre Männer jedoch nicht.
Auch die spätere Strafmilderung galt Männern, die ihre untreuen Frauen* getötet hatten, und nicht umgekehrt.
Aber jetzt zurück zu unserer heutigen Gesellschaft:
Was ist für uns heute eigentlich Treue?
Wie bereits gesehen: Treue ist, wenn eine Person ihre*n Partner*in nicht betrügt.
Was ist aber nun wirklich ein Betrug?
Wo beginnt Untreue?
Ich finde, dass es ab dieser Frage richtig spannend wird.
Nehmen wir vier Situationen als Beispiel:
Zwei Menschen sind in einer monogamen romantischen Beziehung. Einer der beiden schläft nach einer Weihnachtsfeier mit einer fremden Person.
In der zweiten Situation küsst dieser Mensch nach der Weihnachtsfeier eine fremde Person.
In der dritten Situation flirtet dieser Mensch während der Weihnachtsfeier mit einer neuen Kollegin*.
In der vierten Situation redet dieser Mensch während der ganzen Weihnachtsfeier mit einer langjährigen Kollegin*.
Wo passiert denn Untreue?
Ich glaube, dass in der ersten und zweiten Situation fast jede Person zustimmen würde, dass der Mensch dem anderen nicht treu ist.
In der dritten Situation kann ich mir vorstellen, dass sich die Geister scheiden, während in der vierten Situation wohl alle einverstanden wären:
Reden ist nicht betrügen!
Das Spannende ist, wie wir Handlungen eine zentrale Rolle zuschreiben.
Es scheint so zu sein, dass das, was eine Person tut, mehr Relevanz hat als das, was sie sagt.
Allerdings tun wir, wenn wir etwas sagen, ebenfalls ganz viel.
Dieser Gedanke geht auf die Sprechakttheorie von Austin zurück.
Wir brauchen diese Theorie hier gar nicht zu vertiefen, sondern nehmen nur das Konzept mit, dass wir, wenn wir etwas sagen, auch immer etwas tun.
Wenn ich einer geliebten Person sage, dass ich sie nicht (mehr) will und liebe, tue ich im eigentlichen Sinne nichts, aber natürlich tue ich etwas.
Ich tue ihr weh, ich enttäusche sie und ich verletze sie vermutlich.
Wenn wir uns dann trennen, wird eine Reihe von Handlungen folgen, die aus einer Aussage hervorgehen, die etwas getan hat, ohne etwas zu tun.
Und nun zurück zu unserem Beispiel:
Wenn der Mensch in der vierten Situation während der Weihnachtsfeier mit der langjährigen Kollegin* redet und ihr sagt, dass er starke Gefühle für sie entwickelt hat, und zwar schon seit Langem, und dass sie die Person ist, mit der er eigentlich gerne sein Leben verbringen würde, dann wäre auch in dieser Situation für die meisten von uns wahrscheinlich ein Betrug passiert.
Dieser Mensch tut eben etwas.
Obwohl er nur etwas sagt und nichts tut.
Er küsst diese Person nicht, schläft nicht mit ihr und flirtet mit ihr auch nicht.
Was ist aber nun Untreue?
Wie lautet hier unsere Norm?
Während Handlungen wie Küssen, Sex haben und körperliche Berührungen in gesellschaftlichen Kategorien (freundschaftlich, sexuell, formell, persönlich, romantisch usw.) klar eingeordnet sind, sind „unsichtbare“ Dinge wie Wörter, Gedanken und Gefühle schwerer in Richtig oder Falsch einzuteilen.
Kehren wir zu unserem Beispiel zurück, diesmal anders:
Diese Person redet mit der langjährigen Kollegin* nicht über ihre Gefühle.
Sie küsst sie nicht und sie schläft nicht mit ihr.
Sie tut und sagt nichts.
Aber sie hat Liebesgefühle für sie trotzdem entwickelt.
Diese Person traut sich jedoch nicht, diese Gefühle auszudrücken.
Sie lebt aber schon seit einigen Jahren so, dass sie, wenn sie mit ihrem *r Partener*in zusammen ist, an diese Kollegin* denkt.
Ist das ein Betrug?
Die Antwort finde ich persönlich in diesem Fall sehr komplex.
Wären auch Gedanken und Gefühle ein Betrug, wäre die ganze Norm der Monogamie relativ einschränkend.
Während wir unsere Handlungen mehr oder weniger steuern können, können wir wirklich jeden Gedanken und jedes Gefühl in uns kontrollieren?
Wäre das überhaupt wünschenswert?
Wenn die Antwort nein ist, wäre es zwangsläufig so, dass ein Betrug immer nur etwas ist, das konkret passieren muss?
Sind Gedanken und Gefühle aber weniger real als eine Handlung?
Unsere Norm sagt uns, dass wir treu sein sollten.
Wir dürfen also demnach niemanden außerhalb unserer Liebesbeziehung küssen, mit niemandem sonst flirten oder schlafen.
Bis dahin ist es klar.
Wir dürfen wahrscheinlich auch keine romantischen Gefühle in Worte ausdrücken gegenüber einer Person, die nicht unsere Beziehungsperson ist.
Aber dürfen wir grundsätzlich alles fühlen, denken und uns vorstellen, was wir möchten, und dann einfach so tun, als wäre es nicht real?
Hier stoßen wir meiner Meinung nach auf einen Widerspruch.
Wenn wir uns nun in die Person hineinversetzen, deren Partner*in solche Gedanken und Gefühle für jemand anderen hat, wäre uns das wahrscheinlich zumindest teilweise nicht egal und es würde sich für viele Menschen wie ein Betrug anfühlen.
Versetzen wir uns allerdings in die Person hinein, die Gefühle für jemand anderen hat, würden wir vermutlich alle sagen, dass wir weder Gedanken noch Gefühle kontrollieren können und ja nichts getan haben und auch nichts tun.
Ich glaube, dass genau das der Kern dieses Dilemmas ist:
Wir kontrollieren Gedanken und Gefühle nicht.
Weder unsere eigenen noch die der anderen.
Unsere gesellschaftliche Lösung dafür?
Wir ignorieren Gefühle und Gedanken einfach, solange sie keine Handlung werden.
Denn niemand von uns würde sagen:
„Ich bin nicht monogam, weil ich hin und wieder eine Fantasie mit einer anderen Person als meiner Beziehungsperson hatte.“
Vorausgesetzt natürlich, wir sind nie fremdgegangen.
Andererseits würde es meine Beziehungsperson wahrscheinlich nicht kalt lassen, wenn ich ihr sagen würde, dass ich eine sehr konkrete Fantasie mit einer anderen Person hatte.
Sie würde vermutlich auch nicht als Erstes denken, dass ich besonders treu bin.
Dabei bleibt die Situation ja ident.
Es ändert sich nur, ob ich meine Fantasie verbal ausdrücke, sie sogar umsetze oder unausgesprochen lasse.
Ist das aber nicht ziemlich heuchlerisch?
Die Hauptrolle der sexuellen Exklusivität und der Handlung
Vielleicht ist die Basis dieser „Heuchelei“ die Tatsache, dass unsere gesellschaftliche Norm Treue mit sexueller Exklusivität gleichsetzt.
Wie ich das meine?
Wir haben nun gesehen, dass es eine komplexere Aufgabe ist, Betrug zu definieren, als es zu Beginn scheint.
Allerdings nehmen wir im Alltag alle an, dass jemand treu ist, wenn diese Person nicht fremdgeht, also sexuelle Handlungen nur mit der Beziehungsperson ausführt.
Das ist eben die sexuelle Exklusivität.
Das bedeutet aber auch, dass Sex gesellschaftlich eine Hauptrolle in Beziehungen spielt.
Warum?
Wenn wir davon ausgehen, dass Treue mit sexueller Exklusivität gleichzusetzen ist, würde das bedeuten, dass Menschen, um als treu definiert zu werden, „nur“ das gewährleisten müssen.
Wie wir aber zuvor gesehen haben, entspricht die Norm nicht der Realität.
Stellen wir uns folgendes Szenario vor:
Ich habe den Traum, mit meiner Beziehungsperson einen Urlaub in den USA zu machen. Da wir uns das nicht leisten konnten, haben wir jahrelang dafür gespart.
Nun ist es so weit und wir hätten das Geld, um diesen Traum gemeinsam umzusetzen.
Meine Beziehungsperson sagt mir aber, dass sie den Urlaub in den USA gerne mit einer befreundeten Person machen würde.
Ich kann mir vorstellen, dass eine solche Situation bei vielen Personen das Gefühl auslösen könnte:
„Das war aber unser Projekt.“
Oder:
„Das steht mir zu und nicht einer anderen Person.“
Wahrscheinlich wären viele von uns in einer solchen Situation eifersüchtig und verletzt.
Aber auch in einem viel kleineren Maßstab:
Ich liebe Weihnachtsmärkte.
Wenn meine Beziehungsperson, die das genau weiß, den ersten Besuch der Weihnachtszeit auf einem Weihnachtsmarkt ohne mich planen würde, würde mich das vermutlich traurig machen.
Es gibt aber keine „Weihnachtsmarkt-Exklusivität“ oder „Fernreise-Exklusivität“, sondern eine sexuelle Exklusivität.
Diese Norm geht so tief, dass eine Person, die traurig darüber ist, dass ihre Beziehungsperson ohne sie Urlaub macht, gefragt wird:
„Denkst du, dass er*sie dich im Urlaub betrügt?“
Das heißt, dass fast immer angenommen wird, dass Eifersucht, Enttäuschung und Trauer mit einem Bruch der sexuellen Exklusivität einhergehen.
Ich denke aber, dass wir Menschen viel mehr sind und viel mehr fühlen.
Gehen wir da einen Schritt tiefer:
Aus Sex entsteht oft Nähe.
Nicht immer, nicht bei allen, aber oft.
Es gibt keine allgemeine Regel, aber grundsätzlich sind wir, wenn wir mit jemandem Sex haben, zumindest körperlich sehr nahe.
Oft passiert hormonell auch viel und man gibt sich der anderen Person mehr oder weniger hin.
Man lässt sich bei einer anderen Person fallen. Das hat auch viel mit dem Loslassen von Kontrolle zu tun und ist etwas, das wir sonst nicht ständig im Alltag machen.
Das ist nicht nichts.
Das heißt nicht, dass Sex für alle mit Nähe einhergeht, aber es passiert jedenfalls häufig, dass durch Sex auch Nähe entsteht.
Das stimmt.
Aber denken wir nun an andere Situationen, in denen Nähe entsteht:
Wenn wir unsere tiefsten Gedanken und Gefühle mit einer anderen Person teilen, wenn wir jemanden wirklich an unseren Emotionen teilhaben lassen, wenn wir es schaffen, etwas von uns zu erzählen, wofür wir uns zutiefst schämen, dann entsteht genauso viel Nähe wie in manchen sexuellen Situationen.
Oder nicht?
Wir können uns das so vorstellen:
Ein ONS mit einer völlig fremden Person, die gleich nach dem Sex wieder geht, und ein emotionales Gespräch, in dem wir etwas Schmerzhaftes über uns erzählen und zulassen, dass eine befreundete Person uns wirklich spüren und vielleicht auch wirklich trösten kann.
In welcher Situation haben wir mehr von uns gegeben?
In welcher Situation entstehen mehr Nähe und mehr Vertrauen?
Das heißt nicht, dass Sex nicht wichtig ist, sondern nur, dass Sex offenbar nicht DIE Situation ist, in der Nähe entsteht, sondern eine der möglichen Situationen, in denen Nähe entsteht.
Wieso ist aber der ONS ein Betrug und das emotionale Gespräch nicht?
Wieso ist sexuelle Exklusivität eine gesellschaftliche Erwartung, während emotionale Exklusivität als Begriff nicht einmal wirklich existiert?
Nicht, weil wir emotionale Exklusivität von der Beziehungsperson erwarten sollten, sondern vielmehr, weil diese unterschiedliche Behandlung von Sex und Körperlichkeit einerseits sowie Emotionen und Gedanken andererseits etwas über unsere Gesellschaft aussagt.
Ich glaube, dass hier das Thema der Sichtbarkeit relevant wird.
Wenn wir genauer hinschauen:
Küssen, Sex haben und sogar das Überreichen eines materiellen Geschenks sind sichtbare Dinge.
Sie können „bewiesen“ werden und haben einen normativen Wert in der Gesellschaft.
Ich kann eine Freundin flüchtig auf die Wange küssen, aber nicht lange mit ihr knutschen.
Sex ist eben eine exklusive Handlung, die der Beziehungsperson „vorbehalten“ ist, und ein materielles Geschenk kann man natürlich auch anderen Menschen machen.
Spannend ist, dass es auch hier gesellschaftliche Normen gibt:
Zu Anlässen wie Weihnachten oder Geburtstagen wäre es nicht weiter ungewöhnlich, jemandem etwas zu schenken.
Wenn wir aber an „teurere Geschenke“ denken, werden diese eher gemacht, wenn die Beziehung enger ist.
Wenn jemand einer Freundin ein teureres Geschenk macht als der Beziehungsperson, käme wahrscheinlich wieder der Gedanke auf:
„Warum? Ist da mehr als eine Freundschaft?“
Es ist spannend, dass wir gesellschaftlich sogar den Wert von Geschenken kategorisieren, aber kaum Normen für emotionalen oder gedanklichen Austausch haben.
Dabei könnten wir uns vermutlich fast alle darauf einigen, dass Emotionen und Gedanken viel mehr bewegen als Geschenke.
Sie sind aber unsichtbar.
Nur die Person selbst, die sie fühlt und denkt, kann sie spüren.
Vielleicht ist die Uneindeutigkeit der Kern dieses Themas?
Stellen wir uns folgende Situation vor:
Es ist Weihnachten.
Eine Person, die uns viel bedeutet, schenkt uns eine Zimmerpflanze.
Wir werden uns wahrscheinlich freuen.
Das wäre vollkommen normkonform.
Wenn diese Person uns einen Ring mit Diamanten schenken würde, wären wir wahrscheinlich völlig irritiert und viele von uns würden sich fragen, ob das angebracht ist.
Wenn diese Person in einer Beziehung ist, würden viele das auch gegenüber der Beziehungsperson als unpassend empfinden.
Ein Diamantenring ist normalerweise eben etwas, das man in einer Liebesbeziehung schenkt – vorausgesetzt, man mag Ringe und Diamanten und kann sich einen solchen Ring überhaupt leisten.
Wenn diese Person uns etwas über sich erzählt, das ihr sehr wehtut und wofür sie sich womöglich schämt, würden das nicht einmal alle als Geschenk betrachten.
Dabei ist dieses Geschenk das größte, das eine Person einer anderen machen kann.
Ich kann mir sogar vorstellen, dass auch diese Situation Eifersucht auslösen könnte, wenn diese Person in einer Beziehung ist und ihrer Beziehungsperson erzählt, dass sie einer bedeutsamen Freundin etwas anvertraut hat, das sie ihr selbst noch nie anvertrauen konnte.
Vielleicht existiert emotionale Exklusivität nicht, weil sie unsichtbar ist.
Aber ab dem Moment, in dem etwas ausgesprochen und real wird, macht es etwas mit uns.
Der Diamantenring – vorausgesetzt, man kann ihn sich leisten – ist ein Ding, das man einfach kauft und übergibt.
Vertrauen zu schenken ist hingegen etwas, das viel Mut und Beziehung braucht.
Unsere gesellschaftliche Norm sieht allerdings vor, welche Geschenke, welche Handlungen und welche Formen von Körperlichkeit in einer bestimmten Beziehungsart angebracht sind, aber nicht, welcher emotionale oder gedankliche Austausch passend wäre.
Wie schon zuvor beobachtet, scheinen für unsere gesellschaftliche Norm Gefühle, Gedanken und Fantasien völlig irrelevant zu sein.
Aber machen wir einen Schritt heraus aus der Norm.
Bleiben wir nur bei unserer menschlichen Realität.
Was haben Sex, Küssen, das Geschenk des Vertrauens, der Diamantenring, der Besuch auf dem Weihnachtsmarkt und der Urlaub in den USA gemeinsam?
Ich glaube, dass diese Situationen gemeinsam haben, dass sie bei der „ausgeschlossenen“ Beziehungsperson möglicherweise folgende Gedanken auslösen könnten:
„Ich bin nicht mehr so wichtig.“
Oder:
„Jemand anderes ist für meine Beziehungsperson wichtiger als ich.“
Und was bedeutet das?
Dass diese Situationen Verlustängste auslösen können.
Die sexuelle Exklusivität, die in gesellschaftlichen Normen eine so zentrale Rolle spielt, wirkt meiner Meinung nach im Vergleich zu dieser komplexen Realität relativ klein.
Es ist klar: Wenn die Beziehungsperson mit jemand anderem Sex hat, kann das ebenfalls Verlustangst auslösen.
Das ist aber nur eine von sehr vielen Situationen, die diese Angst hervorrufen können.
Verlustangst und Bedürfnis nach Sicherheit
Es gibt also viele Situationen, die in einer Beziehung die Angst auslösen können, die Beziehungsperson zu verlieren.
Diese Ängste drücken sich auch sehr individuell aus. Einige Menschen werden traurig, andere wütend, andere kalt und distanziert und wieder andere anhänglich und besorgt, wenn sie die Angst verspüren, die geliebte Person zu verlieren.
Eifersucht ist beispielsweise auch eine Emotion, die wir oft spüren können, wenn wir Angst haben, dass die Beziehungsperson uns nicht mehr liebt oder will und stattdessen jemand anderen will und liebt.
Umgangssprachlich wird Eifersucht im Deutschen oft mit Neid verwechselt. Diese beiden Emotionen sind aber grundverschieden und voneinander unabhängig.
Eifersucht ist eher das Gefühl, jemanden, den wir lieben, an jemand anderen zu verlieren.
Wenn wir noch einen Schritt weitergehen:
Wenn wir eifersüchtig sind, haben wir oft das Gefühl, dass die Beziehungsperson jemand anderen mehr will oder liebt als uns oder dass das passieren könnte.
Das tut meistens nicht weh, weil wir denken, andere Menschen wären alle besser als wir, sondern weil wir Angst haben, dass unsere Beziehungsperson uns für jemand anderen verlässt oder uns durch jemand anderen ersetzt.
Das ist auch ein realistisches Szenario in jeder Beziehung.
Man kann nie ausschließen, dass man verlassen wird.
Das macht Menschen unsicher und ängstlich. Das ist auch völlig normal.
Wir haben, wie schon öfter gesehen, nie die Kontrolle über Beziehungen. Somit sind wir der Entwicklung einer Beziehung zum Teil „ausgeliefert“.
Wenn unsere Beziehungsperson sich dafür entscheidet, uns zu verlassen, bleibt uns nur übrig, es anzunehmen.
Das wissen wir alle.
Diese Unsicherheit kann sich in den verschiedensten Situationen zeigen, wie wir zuvor beobachtet haben.
Eifersucht drückt also grundsätzlich die Angst aus, eine Beziehung, die zu uns gehört, an jemand anderen zu verlieren.
Ansonsten würden wir uns wahrscheinlich sogar freuen, wenn unsere Beziehungsperson jemanden Spannenden kennenlernt.
Was machen wir Menschen, wenn wir Verlustängste haben?
Wir reagieren alle unterschiedlich darauf, aber eines ist relativ grundlegend:
Wir versuchen, die Kontrolle wieder zu übernehmen.
Das drückt sich ganz unterschiedlich aus.
Einige Menschen ziehen sich zurück und werden kalt, andere versuchen eher, die Beziehungsperson zu kontrollieren, indem sie anhänglich werden, und wieder andere grübeln viel und malen sich mögliche Szenarien aus.
Fakt ist, dass fast alle Menschen, wenn sie Angst bekommen, jemanden zu verlieren, versuchen, die Kontrolle wieder zu übernehmen.
Das ist auch eine ganz menschliche Reaktion.
Wieso ist das in diesem Beitrag wichtig?
Weil Normen und auch die Normen der sexuellen Exklusivität und der Monogamie dazu da sind, uns Sicherheit zu geben.
Wie ich das meine?
Regeln und Normen bringen Ordnung und Struktur. Das schafft Sicherheit in einem Bereich, der sich sonst kaum kontrollieren lässt, und zwar im Bereich der Beziehungen.
Wenn wir nun sagen:
„Man darf nicht fremdgehen.“
„Man darf nicht mit jemand Fremdem flirten.“
„Man darf nicht jemand anderem Liebesgefühle anvertrauen.“
„Man darf einer Person, die nicht die Beziehungsperson ist, keinen Diamantenring schenken.“
„Man führt eine Liebesbeziehung zu zweit.“
„Ein Mann und eine Frau, die sich lieben, heiraten und gründen eine Familie.“
Dann schaffen wir Ordnung.
Wir wissen alle, was man in einer Liebesbeziehung darf und was man nicht darf, ohne dass wir das je miteinander ausgemacht haben.
Das passiert eben, weil wir alle Normen internalisiert haben.
Diese Ordnung schenkt uns Sicherheit, weil wir uns nicht in einer völlig prekären Situation befinden, in der jede*r alle Möglichkeiten vor sich hat, sondern nur gewisse geregelte Möglichkeiten.
Andererseits:
Was macht diese Ordnung mit uns?
Sie schränkt uns ein, indem einige Möglichkeiten als „falsch“ bewertet werden.
Da stoßen wir auf einen Widerspruch.
Normen und Regeln geben uns eine Ordnung für unsere Beziehungen.
Diese schenken uns also Sicherheit. Gleichzeitig werden diese Strukturen zu Schranken, wenn wir anders leben möchten.
Und was machen wir mit Schranken?
Entweder bleiben wir davor stehen oder wir gehen darüber und brechen die Regel.
Ein Beispiel:
Zwei Menschen sind in einer monogamen Liebesbeziehung.
Eine Person verliebt sich in eine andere.
Sie sagt ihrer Beziehungsperson nichts davon, um sie nicht zu verletzen.
Sie versucht auch, ihre Gefühle zu verdrängen. Allerdings schafft sie es nicht.
Sie denkt immer wieder an die andere Person, sodass ihr Alltag mit der Beziehungsperson völlig davon überschattet wird.
Nach einigen Monaten entscheidet sich die fremdverliebte Person dazu, der geliebten Person ihre Gefühle zu gestehen.
Obwohl auch die zweite Person die Gefühle erwidert, weiß die fremdverliebte Person, dass diese Beziehung keinen Sinn hat.
Sie wird sich nicht trennen und man darf nicht fremdgehen.
Inzwischen fühlt sich aber auch die Beziehungsperson in der Beziehung nicht mehr wohl, da sie, obwohl sie von der Fremdverliebtheit nichts weiß, das Gefühl hat, dass die Beziehungsperson nicht wirklich anwesend ist.
Die gleiche Situation mit einem anderen Ende:
Nach einigen Monaten gibt die fremdverliebte Person dem Wunsch nach und betrügt ihre Beziehungsperson tatsächlich, also sexuell.
Das passiert, obwohl sie genau weiß, dass das nicht in Ordnung ist.
Was passiert nun?
Die untreue Person fühlt sich schuldig.
Die betrogene Person fühlt sich in der Beziehung unwohl, weil die andere Person sehr abwesend ist.
Obwohl sie vom Betrug nichts weiß, hat sie das Gefühl, dass die Beziehung nicht mehr so gut ist wie früher.
Die Affäre der untreuen Person leidet unter den Umständen, weil sie geheim gehalten wird und die Beziehung nicht frei gelebt werden kann.
In diesen Situationen sind Normen und Ordnung allen drei betroffenen Menschen bewusst.
In beiden Situationen leiden alle drei Beteiligten gleichermaßen.
Der einzige Unterschied ist, dass in der ersten Situation die eine Person vor der Schranke stehen bleibt, während es in der zweiten Situation zu einem Normbruch kommt.
Was sagt uns dieses Beispiel über unsere sicherheitsbringende Norm?
Ganz egal, ob man sich an die Normen hält oder nicht:
Die emotionale und menschliche Realität ist viel komplexer und freier als die Normen, die sie ordnen sollen.
Hinzu kommt auch die Tatsache, dass, wie wir schon zuvor gesehen haben, sexuelle Exklusivität an sich nur eine von vielen verschiedenen Situationen ist, die Verlustängste auslösen können.
Somit gibt es kaum eine Möglichkeit, durch die Norm Beziehungssicherheit zu schaffen.
Es ist natürlich ein wenig beängstigend, sich damit auseinanderzusetzen, dass keine Norm und keine Regel Gefühle und Gedanken einordnen und absolute Sicherheit geben können.
Aber andererseits:
Wünschen wir uns wirklich diese absolute Sicherheit?
Betrug und Bedürfnis nach Freiheit
Neben dem Bedürfnis nach Sicherheit finden wir ein gegensätzliches, aber genauso wichtiges Bedürfnis: das nach Freiheit.
Wie das schon klingt, sind diese beiden Bedürfnisse sehr widersprüchlich, und trotzdem existieren sie nebeneinander.
Eine Beziehung kann Sicherheit geben.
Wenn wir uns von einer Person unterstützt, verstanden, geliebt und gesehen fühlen, kann uns diese Art von Beziehung Sicherheit schenken.
Bis dahin ist alles sehr klar.
Sicherheit hat aber immer etwas mit Kontrolle zu tun.
Warum?
Wenn wir uns sicher fühlen, möchten wir oft feststellen und sicherstellen, dass es auch so bleibt.
Das ist teilweise auch ein Widerspruch, denn je mehr wir versuchen, die Sicherheit festzuhalten, desto unsicherer werden wir.
Wenn wir allerdings etwas kontrollieren, bekommen wir scheinbar das Gefühl, dass wir selbst für diese Sicherheit sorgen.
Neben diesem Bedürfnis verspüren Menschen auch das Bedürfnis nach Freiheit.
Hier wird es spannend:
Wann verspüren wir, dass wir Freiheit brauchen?
Meistens dann, wenn sie uns fehlt.
Was nimmt uns denn diese Freiheit weg?
Beziehungen können Sicherheit geben, aber können sie auch Freiheit rauben?
Das ist wahrscheinlich eine Angst vieler Menschen.
Ich bin allerdings nicht dieser Meinung.
Natürlich gibt es Beziehungen, die uns unserer Freiheit berauben. Diese sind aber wahrscheinlich eher selten.
Wenn eine andere Person uns wirklich einengt, nicht möchte, dass wir Dinge tun, die uns guttun, uns emotional erpresst, mit dem Verlassen droht usw., dann kann eine Beziehung unsere Freiheit gefährden.
Ich finde aber, dass das in den meisten Fällen nicht die Beziehung an sich ist.
Ich finde auch nicht, dass die Abwesenheit bedeutender Beziehungen Freiheit schenkt – im Gegenteil.
Meiner Meinung nach können Beziehungen meistens sowohl Sicherheit als auch Freiheit schenken.
Das ist widersprüchlich, wie viele menschliche Realitäten es sind.
Was gefährdet dann unsere Freiheit?
Ich finde, dass unhinterfragte gesellschaftliche Normen für Menschen zu Käfigen werden können, die uns stark einengen.
Schauen wir uns das genauer an:
Wenn man an das vorherige Beispiel denkt, würde man vielleicht auf den ersten Blick meinen, dass sich die fremdverliebte Person in ihrer Beziehung eingeengt gefühlt und darunter gelitten hat, weil sie sich mehr Freiheit gewünscht hätte, nämlich die Liebe mit der „neuen“ Person ausleben zu können.
Was hat dieser Person die Freiheit genommen?
Laut dieser Interpretation wäre es die Beziehung gewesen, die es der fremdverliebten Person unmöglich gemacht hat, die neue Liebe auszuleben.
Stimmt das aber?
Wir haben gar keine Informationen oder Hinweise darauf, ob diese Beziehung für diese Person tatsächlich einengend ist.
Was sich aber vielmehr sagen lässt:
Wenn sich die fremdverliebte Person gefragt hätte:
„Was will ich wirklich?“
„Möchte ich sexuell exklusiv leben?“
„Geht es mir um Sex oder um das Ausleben der Gefühle?“
„Welche Dinge möchte ich mit welcher Person teilen?“
„Welche möchte ich nur mit einer Person und welche mit mehreren Personen teilen?“
und dann das Gespräch mit der Beziehungsperson gesucht hätte, kann es sein, dass sich für diese Situation und diese Beziehungen neue Entwicklungswege eröffnet hätten.
Was wäre aber ziemlich sicher geschehen?
Diese Person hätte entscheiden können – und zwar bewusst entscheiden können –, wie sie leben möchte.
Natürlich können Menschen in Beziehungen nicht alles umsetzen, was sie sich wünschen.
Aber das Bewusstwerden dessen, was man wirklich möchte und braucht, kann schon eine sichere Basis dafür darstellen, gute und faire Kompromisse einzugehen.
Das setzt aber voraus, dass gesellschaftliche Normen hinterfragt werden.
Entscheidet sich eine Person bewusst für bestimmte Dinge, ist sie meistens frei.
Freiheit ist natürlich komplex zu definieren.
Meistens ist Freiheit aber nicht mit „Ich mache einfach alles, was ich will!“ gleichzusetzen, sondern mit einem gewissen Maß an Bewusstsein, mit dem man Entscheidungen trifft.
Freiheit allein ist nicht Zufriedenheit.
Man kann beispielsweise Entscheidungen treffen, mit deren Konsequenzen man später hadert. Diese Entscheidungen können trotzdem frei getroffen worden sein.
Hier geht es nicht darum, dass man den Weg zum Glücklichsein findet, sondern vielmehr darum, dass wir unser Bedürfnis nach Freiheit durch das Hinterfragen gesellschaftlicher Normen vermutlich eher erfüllen als durch das Vermeiden tieferer Bindungen.
In diesem Sinne können ein Betrug und ein Normbruch eine Gelegenheit sein, diesen Prozess des Hinterfragens zu beginnen.
Ich sehe unter anderem auch in der psychosozialen Beratung die Möglichkeit, sich mit den eigenen Bedürfnissen, Wünschen und Werten auseinanderzusetzen.
Mögliche Themen wären:
- Welche Art von Exklusivität brauche ich und welche braucht meine Beziehungsperson?
- In welchen Bereichen möchte ich Exklusivität leben und mit wem?
- Wie stehe ich zur sexuellen Exklusivität und wie steht meine Beziehungsperson dazu?
- Welche Dinge möchte ich nur mit einer Person teilen?
- Mit wem oder in welcher Beziehung möchte ich was erleben?
- Welche Bedürfnisse sind bei mir gerade erfüllt? Welche nicht?
- Wo liegen meine Grenzen in einer Beziehung? Was würde mich besonders verletzen, was weniger?
- Fühle ich mich grundsätzlich sicher?
- Fühle ich mich grundsätzlich frei?
- Welche Ausmachungen und Regeln bräuchte ich in meiner Beziehung, um mich sicher zu fühlen?
- Was brauche ich in meiner Beziehung, um mich frei zu fühlen?
Moralische Wertung und Einvernehmen
Ist Monogamie überhaupt richtig oder falsch?
Ist Betrug dann nicht mehr falsch?
Sind Polyamorie oder offene Beziehungen dann wirklich ein besseres Modell?
Die moralische Wertung, die wir gesellschaftlich sonst fast immer vornehmen, ist im Rahmen dieser Reflexion nicht mehr sinnvoll.
Warum?
Wir haben in diesem Beitrag gesehen, dass jede Person unterschiedliche Situationen als verunsichernd erlebt.
Es gibt Menschen, für die sexuelle Exklusivität sehr wichtig ist, für andere ist sie hingegen eher nebensächlich.
Es gibt Personen, die Exklusivität anders leben wollen (beim Reisen, bei bestimmten Hobbys, bei gewissen Themen usw.), und es gibt Personen, die Exklusivität gar nicht brauchen und sich mit einem inklusiveren Beziehungsmodell wohler fühlen.
Wenn wir uns nun trauen, aus der Norm herauszugehen, dann würden wir merken, dass die Bedürfnisse nach Sicherheit und Freiheit viel komplexer und vielschichtiger sind, als gesellschaftlich erwartet wird.
Was hier Angst machen könnte, ist, dass wir Beziehungen und deren Entwicklung eben nicht kontrollieren können.
Das gilt für alle Arten von Beziehungen.
Normen helfen dabei, eine Sicherheit zu schaffen, die sich im Laufe dieser Reflexion jedoch als Scheinsicherheit erwiesen hat.
Menschen brauchen Regeln und Normen, um sich sicher zu fühlen. Hinterfragen sie diese aber nicht, bekommen sie auch schnell das Gefühl, in ihrer Freiheit eingeengt zu sein.
Auch das ist keine Sicherheit.
Dieser Widerspruch ist nicht völlig lösbar.
Wenn wir uns aber für einen Moment von diesen Normen lösen, können wir unseren Fokus auf etwas anderes legen:
Auf Vertrauen und Einvernehmen.
Wenn wir uns nun außerhalb der Norm bewegen, können wir jede Art von Beziehung einfach als Beziehung sehen.
Ohne zu hierarchisieren, ohne zu werten und ohne normativ zu entscheiden, was richtig oder falsch ist.
Jeder Mensch hat im Leben Beziehungen.
Und jetzt stellen wir uns vor, dass diese Beziehungen so gestaltet werden, dass sie weder eine Kategorie noch eine Definition bekommen, sondern sich für alle Beteiligten einfach gut anfühlen.
Was bedeutet das konkret?
Dass der Fokus nicht mehr auf dem liegt, was gesellschaftlich erwartet wird, sondern auf dem, was die Menschen brauchen, die diese Beziehung leben.
Es gibt Personen, die mit einer bestimmten Person keine Exklusivität brauchen und mit einer anderen schon.
Es gibt Menschen, die mit derselben Person in manchen Momenten eine bestimmte Exklusivität brauchen und in anderen Momenten nicht mehr.
Es gibt Beziehungen, die sich im Laufe der Zeit in ihrem Modell und ihren Werten verändern, und andere, die eher gleich bleiben.
Es gibt Beziehungen, in denen sich die Rollen der beteiligten Menschen immer wieder verändern, und andere, in denen die Menschen dauerhaft im gleichen Verhältnis zueinander bleiben.
Es gibt Menschen, die sich bewusst für ein monogames Modell entscheiden und sich emotional oder platonisch dennoch gerne teilen.
Und es gibt Menschen, die gerne polyamor leben, aber beispielsweise Fernreisen nur miteinander machen möchten.
Das mag auf den ersten Blick vielleicht etwas verwirrend und chaotisch wirken.
Es gibt eben keine übergeordnete Regel mehr.
Aber es gibt zwei gemeinsame Nenner:
Vertrauen und Einvernehmen.
Vielleicht bedeutet Treue dann nicht, dass man sexuell exklusiv ist, sondern dass man sich auf eine Beziehung einlässt, in der Einvernehmen und Vertrauen ernst genommen und wirklich gelebt werden.
Dann sind das Modell und die Art der Beziehung relativ irrelevant.
Vielmehr werden das Hinterfragen gesellschaftlicher Normen und die eigene Beziehungsausmachung zentral.
Vielleicht wirkt es auf den ersten Blick verunsichernd, dass Beziehungen dann keine vorgegebene Regel und Struktur mehr haben.
Allerdings:
Was gibt mehr Sicherheit als die Gewissheit, dass jede beteiligte Person in einer Beziehung im Vertrauen und Einvernehmen handelt?
Vielleicht ist die Grundlage eine andere.
Anstatt eine gesellschaftliche Norm oder Erwartung zum Fundament einer Beziehung zu machen, werden Vertrauen und Einvernehmen zwischen Menschen zum wichtigsten Beziehungsfundament.
Das verlangt ein hohes Maß an Reflexion und Verantwortungsübernahme von allen Beteiligten und schenkt sowohl Sicherheit als auch Freiheit.
Diese Freiheit ist aber nicht mit Willkür oder „Ich tue, was ich will“ verbunden, sondern mit dem bewussten Hinterfragen gesellschaftlicher Normen.
In diesem Kontext könnte Treue also sein, die Fähigkeit, sich an Ausmachungen zu halten, die im Vertrauen und Einvernehmen aller Beteiligten entstanden sind.
Da brauchen wir keine Gegenteilsdefinition mehr.
Treue bedeutet dann nicht mehr, etwas zu unterlassen, sondern vielmehr, sich aktiv an etwas zu halten, das bewusst und im Einvernehmen vereinbart wurde.
Eine Person, die sich selbst und ihrer Beziehungsperson beziehungsweise ihren Beziehungspersonen treu ist, ist sich der eigenen Bedürfnisse und Wünsche, der Bedürfnisse der anderen Beteiligten und der Konsequenzen des eigenen Handelns bewusst.
Die perfekte Beziehung existiert nicht.
Das perfekte Modell oder eine perfekte Lösung für die unzähligen Ambivalenzen und Widersprüche existieren ebenfalls nicht.
Was wir aber haben, ist die Möglichkeit, Normen zu hinterfragen, die uns sonst zu schnell vor die scheinbare Wahl zwischen Sicherheit und Freiheit stellen würden.
Vielleicht ist der erste Schritt genau das:
Auszuhalten, dass wir in Beziehungen Dinge nicht kontrollieren und einordnen können, dass wir Freiheit und Sicherheit gleichzeitig brauchen und dass wir nie „das Richtige“ tun können, sondern immer nur uns selbst spüren und mit dem*r Anderen im Vertrauen und Einvernehmen handeln.
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