Sexuelle Dominanz und Unterwerfung basieren auf Machtbeziehungen? – Gedanken über BDSM-Praktiken

Machtdynamiken verstecken sich oft in Beziehungen – mehr oder weniger offensichtlich. Diese werden in vielen Fällen wahrgenommen, gesellschaftlich akzeptiert und sogar immer wieder künstlerisch dargestellt.

In BDSM-Praktiken (Bondage, Dominanz/Disziplin, Submission, also Unterwerfung, und Sadomasochismus) werden bestimmte Dynamiken, die auf Dominanz und Unterwerfung basieren, inszeniert.

Ist BDSM also sexueller Ausdruck einer Machtbeziehung?

Oder sind diese Praktiken vielmehr ein bewusstes Spiel mit bestimmten Machtdynamiken?

Zuerst wäre es meiner Meinung nach notwendig, das Wort „Macht“ und den Begriff „Machtbeziehung“ überhaupt zu definieren.

Was ist Macht?

Mächtig ist eine Person, die einen gewissen Einfluss hat.

Dieser kann in verschiedenen Bereichen bestehen, sowohl politisch als auch wirtschaftlich oder gesellschaftlich.

Auch umgangssprachlich können wir sagen, dass eine Person Macht über uns hat, wenn sie uns beeinflusst.

Macht ist per se weder schlecht noch gut, sie drückt einfach einen Status aus.

Dieser Status ist oft subjektiv, vor allem, wenn wir sagen, dass jemand Macht über uns hat.

Wir nehmen es so wahr, dass ein Mensch einen Einfluss auf unser Leben hat.

Dieser Einfluss kann psychischer, physischer, finanzieller oder emotionaler Natur sein.

Auch wenn wir sagen, dass eine Person „mächtig“ ist, meinen wir oft, dass sie in unseren Augen Einfluss auf viele Menschen hat.

Der Wert dieses Einflusses und die Frage, ob dieser Einfluss überhaupt zustande kommt, sind oft subjektive Prozesse und Wahrnehmungen.

Oft ist es so, dass wir den Einfluss einer Person auf uns auch durch Abgrenzung einschränken können.

Wenn wir über politische oder wirtschaftliche Macht reden, handelt es sich hingegen um einen weniger subjektiven Begriff.

Der Einfluss, den ein Land oder eine Vereinigung von Ländern ausübt, lässt sich oft nicht nur subjektiv bewerten, da er aus geschichtlichen und politischen Beobachtungen definiert wird.

Das Konzept der Macht hängt also immer mit einem gewissen Einfluss zusammen.

Machtbeziehungen sind Beziehungen, die von einem Gefälle geprägt sind.

Dieses Gefälle ist das Machtgefälle.

Aus diesem Grund sind Machtbeziehungen normalerweise nicht auf Augenhöhe.

Machtbeziehungen durch Rollen

Mit Machtbeziehungen sind normalerweise Beziehungen gemeint, die zwischen zwei Personen oder Personengruppen bestehen und bei denen aus welchem Grund auch immer eine Person Einfluss auf eine andere Person oder auf andere Personen nimmt.

Das verursacht auch das Machtgefälle.

Dieses kann sich in ganz verschiedenen Bereichen ausdrücken.

Es gibt Beziehungen, die zum Beispiel zwischen einer älteren, erwachsenen und erfahrenen Person und einer jüngeren, heranwachsenden und unerfahrenen Person bestehen.

In diesem Fall ist die Lebenserfahrung das Gefälle.

Oft ist es so, dass die jüngere Person von der älteren auf eine gewisse Art und Weise abhängig ist, weil Kinder und Jugendliche schon an sich auf Erwachsene angewiesen sind.

Das passiert nicht nur in Beziehungen zwischen Kindern und Erwachsenen, sondern auch dann, wenn Menschen aufgrund ihrer Rolle ein Machtgefälle erleben.

Das könnte zum Beispiel der Fall sein, wenn eine leitende Person eine Beziehung zu einem*r Mitarbeiter*in hat oder wenn Menschen in helfenden und ärztlichen Berufen eine Beziehung zu ihren Patient*innen oder Klient*innen haben oder Lehrkräfte eine Beziehung zu ihren Studierenden.

In all diesen Fällen haben die Erstgenannten natürlich einen gewissen Einfluss auf die Zweitgenannten.

Machtbeziehungen sind nicht unbedingt etwas Schlechtes, sondern ein Verhältnis zwischen zwei oder mehreren Personen, die nicht auf Augenhöhe sind und zwischen denen ein Abhängigkeitsverhältnis besteht.

Menschen können sich in Machtbeziehungen befinden und sich dennoch wertschätzend begegnen.

Problematisch wird es erst dann, wenn innerhalb einer Machtbeziehung eine persönliche Beziehung entsteht, die auf diesen Rollen basiert und somit nicht mehr auf Augenhöhe stattfindet.

Machtbeziehungen müssen aber nicht ausschließlich zwischen Menschen bestehen, die bestimmte Rollen füreinander einnehmen.

Sie können auch entstehen, wenn Menschen in einer Beziehung über unterschiedliche Mittel verfügen und dadurch in einem Abhängigkeitsverhältnis zueinander stehen.

Um welche Beziehungen geht es hier?

Strukturelle Machtbeziehungen

Wenn wir noch genauer hinschauen, merken wir, dass Machtdynamiken auch in sehr vielen alltäglichen Beziehungen vorhanden sind.

Dass Frauen* beispielsweise durchschnittlich weniger als Männer verdienen, ist mittlerweile kein Geheimnis mehr.

Das passiert unter anderem, weil Frauen* immer noch diejenigen sind, die den größten Teil der Care-Arbeit übernehmen und dafür nach wie vor nicht bezahlt werden.

Trotz aller möglichen neuen Modelle der Kinderbetreuung ist es immer noch so, dass Männer neben einer Familie ihrer beruflichen Tätigkeit häufiger nachgehen können als Frauen*.

Auch die Pflege der Eltern oder Schwiegereltern liegt meistens in der Verantwortung der Frauen*.

Was hat das mit unserem Thema zu tun?

Wenn wir nun daran denken, dass Partnerschaften meistens der Heteronormativität folgen, ist es nicht überraschend, dass in einer heterosexuellen Beziehung oft schon strukturell eine Machtdynamik vorliegt.

Wenn Männer diejenigen sind, die im Laufe ihres Lebens durchschnittlich mehr verdienen und freier sind, neben der Pflege von Kindern und Eltern ihrer beruflichen Tätigkeit nachzugehen, bedeutet das im Umkehrschluss auch, dass Frauen* finanziell häufiger von Männern abhängig sind.

Das heißt nicht, dass das auf alle Frauen* oder auf alle heterosexuellen Beziehungen zutrifft.

Strukturell ist es aber so, dass in vielen heterosexuellen Partnerschaften Frauen* immer noch stärker von ihren männlichen Partnern abhängig sind – auch wenn das heute natürlich nicht mehr so ist wie vor fünfzig Jahren.

Wenn wir an die Theorie der Intersektionalität von Kimberlé Crenshaw denken, können wir noch einen Schritt weitergehen.

Menschen, die bestimmte Merkmale haben, werden gesellschaftlich und wirtschaftlich eher angesehen und akzeptiert und nehmen dadurch zum Teil auch Machtpositionen ein.

Dazu gehören unter anderem: Cis-Männlichkeit, weiße Hautfarbe, keine Behinderung, kein Mehrgewicht, keine psychische Erkrankung, eine heteronormative Partnerschaft, Cis-Geschlechtlichkeit und gute finanzielle Mittel.

Menschen hingegen, die andere Eigenschaften besitzen, werden eher gesellschaftlich isoliert oder diskriminiert.

Dazu gehören unter anderem: Frauen*, Mehrgewicht, Behinderung, psychische Erkrankung, Schwarze Hautfarbe, queere Partnerschaften, Transidentitäten* und Armut.

Grundsätzlich lässt sich also beobachten, dass Menschen, die in einer oder mehreren Eigenschaften gesellschaftliche Normen und Erwartungen erfüllen, auch akzeptierter und angesehener sind.

Menschen hingegen, die in einer oder mehreren Eigenschaften gesellschaftliche Erwartungen nicht erfüllen, werden eher marginalisiert.

Je mehr Eigenschaften jemand besitzt, die gesellschaftlich positiv bewertet werden, desto mehr Ansehen und Akzeptanz erlebt diese Person.

Was hat das alles mit Machtbeziehungen zu tun?

Wir haben gesagt, dass Macht immer mit Einfluss zu tun hat, den jemand auf andere ausübt.

So lässt sich schließen, dass Menschen, die aus intersektionaler Sicht mehr gesellschaftlich angesehene Eigenschaften besitzen, strukturell auch eher Machtpositionen einnehmen können.

Wie spiegelt sich das in zwischenmenschlichen Beziehungen wider?

Das ist natürlich eine komplexe Frage und kann in diesem Rahmen nicht beantwortet werden.

Dieser Gedanke soll lediglich als Reflexionsanstoß dienen, wenn wir an Beziehungen denken.

  • Welche Machtdynamiken spielen in meinen Beziehungen eine Rolle?
  • In welchen meiner Beziehungen spüre ich ein Gefälle und warum?
  • In welchen meiner Beziehungen ist gesellschaftlich eine Machtdynamik zu spüren?
  • Wo befinde ich mich aus intersektionaler Sicht in welcher Beziehung?
  • In welchen meiner Beziehungen sind die Rollen, die ich und mein Gegenüber füreinander haben, im Hinblick auf Machtdynamiken relevant?
  • Wie geht es mir mit dem Thema Machtdynamik und Machtbeziehung – und warum?

Individuell lassen sich Machtbeziehungen also gut reflektieren.

Strukturell können Individuen Machtdynamiken hingegen kaum ausschalten.

Was eine Machtdynamik in einer Beziehung aber kontrovers macht, ist oft der Machtmissbrauch.

Wann sprechen wir denn von Machtmissbrauch?

Vom Machtmissbrauch sprechen wir normalerweise, wenn eine Person, die in der Machtposition ist (aufgrund ihrer Rolle oder ihrer gesellschaftlichen Position), etwas aus ihrer Position aus tut, um ihre eigenen Bedürfnisse zu erfüllen und dadurch die Grenzen der Person, die in der Beziehung von ihr abhängig ist, verletzt.

Wir können das anhand eines eher alltäglichen Beispiels sehen: Zwei Freundinnen treffen sich und eine fragt die andere nach einem Gefallen. Die gefragte Person kann sowohl zusagen als auch ablehnen, ohne irgendeine Konsequenz zu fürchten. Wenn wir uns jetzt vorstellen, dass eine leitende Person die Mitarbeiterin, während sie einen Kaffee trinken, nach einem Gefallen fragt, wird die Mitarbeiterin sich wahrscheinlich zweimal überlegen, ob sie wirklich die Anfrage ablehnen soll, da sie wohl einige Konsequenzen fürchten könnte. Das heißt nicht, dass die leitende Person diese Konsequenzen auch umsetzen würde, und das heißt auch nicht, dass es immer so sein muss, dass ein*e Mitarbeiter*in die Konsequenzen fürchtet, sondern nur, dass in bestimmten Situationen, die oft mit gewissen Rollen oder einem großen Unterschied an Mitteln zu tun haben, das Machtgefälle deutlich werden kann. Das Spüren dieses Gefälles kann Druck oder Angst in der Person auslösen, die in der Machtbeziehung von der anderen auf eine Art und Weise abhängig ist.

Wo passiert aber der Missbrauch? Nach einem Gefallen zu fragen ist noch gar kein Missbrauch, natürlich.

Die Situation aber ändert sich, wenn die leitende Person zum Beispiel ihre Mitarbeiterin nach dem Gefallen während des Kaffees fragt und ganz bewusst einen Druck auslöst, damit die Mitarbeiterin nicht Nein sagen kann.

Was ist da anders? Die Person in der Machtposition nutzt erstens ihre Rolle bewusst, um einen Druck auszulösen, um ihr Bedürfnis zu erfüllen, und was noch zusätzlich dazukommt, sind die Hintergedanken.

Wenn jemand etwas für sich selbst erreichen möchte (das muss nicht immer sexueller oder materieller Natur sein, sondern kann auch etwas Spirituelles und Emotionales sein) und dafür die eigene Rolle oder den eigenen Einfluss anderen gegenüber nutzt, könnte es sich auch um Machtmissbrauch handeln. Also damit ein Machtmissbrauch passiert, muss eine Person bewusst etwas zum eigenen Vorteil erreichen wollen und dafür ihre Position oder ihren Einfluss gegenüber anderen nutzen.

Wenn eine Sozialarbeiterin beispielsweise immer wieder den betreuten Kindern Süßigkeiten schenkt, obwohl im Team entschieden wurde, dass dies zu unterlassen wäre, und sie es macht, damit die Kinder ihr Aufmerksamkeit geben, indem sie Zeichnungen schenken, sie mehr als andere Betreuer*innen mögen, sie als besonders „lieb“ bezeichnen, dann handelt es sich um einen Machtmissbrauch. Weil sie für ihre eigenen emotionalen Bedürfnisse ihre Position als Betreuerin nutzt und auch das Wohlergehen der Kinder aufs Spiel setzt und die Entscheidung des Teams dazu ignoriert.

Anders wäre, wenn die Betreuerin dahinterstehen würde, den Kindern Süßigkeiten zu schenken, und sie dies machen würde, trotz gegenteiliger Entscheidung des Teams, aber mit dem Hintergedanken: „Ich finde es richtig, wenn Kinder ab und zu Süßigkeiten bekommen.“ Das wäre kein Machtmissbrauch, es wäre kein kollegiales Verhalten, aber kein Machtmissbrauch. Das heißt, Bewusstsein und Hintergedanken spielen hier beide eine Rolle.

Und jetzt zu unserer eigentlichen Frage:

Haben BDSM-Praktiken mit den Machtbeziehungen zu tun?

Wenn wir nun an die Beschreibung von Macht und Machtbeziehung denken, ist die Antwort ziemlich eindeutig: Nein.

Auch wenn alltäglich BDSM-Praktiken mit Macht und Kontrolle in Verbindung gebracht werden (das ist auch nicht zur Gänze falsch), haben diese Vorlieben im Regelfall nichts mit einem Abhängigkeitsverhältnis oder einer Machtbeziehung zu tun. Die Ausübung von BDSM basiert, wenn es ethisch passiert, auf Augenhöhe.

Augenhöhe

Menschen, die miteinander BDSM-Sessions inszenieren, übernehmen gewisse Rollen: Die eine Person (oder Personen) die unterwürfige und die andere(n) die dominante Rolle.

Diese können sich abwechseln oder stetig bleiben, je nach Persönlichkeit, Vorlieben und Erfahrung der beteiligten Personen.

Was aber normalerweise in der Ethik der BDSM-Praktizierenden vorhanden ist, ist, dass diese Praktiken auf einer gewissen Augenhöhe basieren.

Wenn wir uns jetzt vorstellen, dass in einer tatsächlichen Machtbeziehung ein Gefälle inszeniert wird, ist die Komplexität deutlich höher, da diese Inszenierung auf einer tatsächlichen Machtbeziehung beruht. Das heißt nicht, dass es nicht passieren kann und dass, wenn es passiert, es falsch ist. Sondern, dass diese eher die Ausnahmen sind.

Was bedeutet wirklich auf Augenhöhe? Menschen, die gerne eine dominante Rolle übernehmen, haben gewisse Bedürfnisse, die durch diese Rolle befriedigt werden und die unter anderem auch sexuelle Lust erzeugen können. Diese Bedürfnisse können nach Gestaltung, nach Kontrolle, nach Kreativität, nach Verantwortung sein. Während Menschen, die die unterwürfige Rolle übernehmen, andere Bedürfnisse befriedigt bekommen, die auch unter anderem sexuelle Lust erzeugen können. Diese können das Loslassen der Kontrolle, das Entspannen, die Verantwortung zu übergeben, sich fallen zu lassen, sich hinzugeben, sein.

Was da klar wird, ist, dass das Ziel nie das Verletzen der eigenen oder anderen Person ist und vor allem, es geht immer um gegenseitiges und beiderseitiges Erfüllen der Bedürfnisse. Das ist in einer Machtbeziehung, wie wir gesehen haben, ganz anders.

Diese verschiedenen Rollen, die Menschen während einer BDSM-Session übernehmen, sind miteinander ergänzend und für die eigene und fremde sexuelle Befriedigung notwendig oder wenigstens hilfreich.

Daher ist das Inszenieren eines Gefälles in diesem Fall ein gewisses Spiel mit einer Machtdynamik, das aber auf einer Augenhöhe beruht. Damit diese Dynamik gut funktionieren kann, sind natürlich ein gewisses Vertrauen, eine klare Kommunikation, das Erkennen der eigenen und fremden Grenzen notwendig, damit jede Person in Sicherheit die eigene gewünschte Rolle übernehmen und ausüben kann.

So kann eine sowohl für sich selbst als auch für die andere Person lustvolle Erfahrung erzeugt werden. Das alles hat als Basis die Augenhöhe, die auch einen Raum bietet, wo Menschen sich austauschen können: Sowohl vor als auch während oder auch nach der Session, in der sogenannten After-Care.

Was die Augenhöhe möglich macht, ist eine weitere Säule der BDSM-Ethik, und zwar der Konsens.

Konsens kann ohne Augenhöhe schwer entstehen, weil jedes Mal, wenn die Augenhöhe fehlt, wie zum Beispiel in einer tatsächlichen Machtbeziehung, die Sicherheit und das Vertrauen (durch alles, was wir gesehen haben: Fürchten von Konsequenzen, Ängste, Druck, Gefühle der Ohnmacht) fehlen könnten, sodass beide oder alle Beteiligten tatsächlich ihren freien und freiwilligen Konsens nicht geben können.

Konsens

Konsens ist das Einvernehmen.

Menschen können ihr Einverständnis geben, wenn sie zu irgendetwas zustimmen.

Natürlich kann man schnell sagen, dass es genug ist, dass eine Person einfach „Ja“ sagt. Wenn es aber um intime und komplexe Dynamiken geht, die oft auch Grenzerfahrungen sind, gehört zu Konsens viel mehr.

Menschen, die sich freiwillig und sicher auf eine BDSM-Session einlassen, müssen dann wissen, worum es geht, was ihre Wünsche und Erwartungen sind und was die Wünsche und Erwartungen des Gegenübers sind.

Wenn nicht alles immer sofort im Voraus abgesprochen werden kann, würde wenigstens reichen, dass ein Raum da ist, wo alle Beteiligten ihre Zweifel, Ängste jederzeit aussprechen können.

Jederzeit bedeutet auch während einer Session, ohne Angst davor, irgendwelche Konsequenzen oder Enttäuschungen von anderen Beteiligten zu erleben. Deswegen beruht der Konsens, der echte Konsens, auf Augenhöhe.

Eine Person, die sich am Anfang einvernehmlich erklärt und während der Session spürt, dass das, was passiert, nicht mehr stimmig ist, muss sich frei fühlen, abzubrechen und zu sagen: „Jetzt nicht mehr“, ohne irgendeine Befürchtung zu haben.

Wenn das erreicht ist, ist eine gute Basis für Konsens und Augenhöhe da.

Oft wird missverstanden, was Konsens in BDSM-Sessions ist. Das könnte wegen des Konzepts von Konsens zum Nicht-Konsens passieren. Dieses Konzept von Konsens zum Nicht-Konsens in den BDSM-Praktiken wird unter anderem von Gisela Fux Wolf in dem Buch „BDSM und Psychotherapie“ gut vertieft und eklärt.

Konsens zum Nicht-Konsens bedeutet, dass in gewissen BDSM-Dynamiken die submissiven Menschen auf das Aussprechen vom Konsens während der Session verzichten, sodass eine echte Grenzüberschreitung inszeniert werden kann, die Lust in den Beteiligten erzeugt.

Aber auch in diesem Fall ist eine Frage der Ausmachung, weil die submissiven Menschen sich und die eigene Grenze so gut kennen, dass sie vor der Session sagen können, dass sie auf diesen Konsens bewusst verzichten. Das ist auch schon Konsens. Der Nicht-Konsens ist dann Teil des Spiels.

Dieses Spiel beruht auch auf Konsens, wenn auf Konsens verzichtet wird. Da ist zu merken, dass auch in diesem Fall die Entscheidungen selbstbestimmt von der submissiven Person getroffen werden.

Es zu sagen: „Ich verzichte auf Konsens während der Session, indem ich aber meinen Konsens zum Nicht-Konsens schon davor gebe“, ist ein komplexes Spiel und verlangt, wie es da schon klar wird, sehr viel Reflexion, Selbsterkenntnis, Vertrauen, Augenhöhe und Wertschätzung.

Diese sind in einer tatsächlichen Machtdynamik deutlich schwieriger zu erreichen.

Was oft zu Missverständnissen führt, ist meiner Meinung nach das Spiel mit gewissen Bildern und Dynamiken. Das macht das gesellschaftliche Bild von BDSM auch fälschlich, wenn eine echte Auseinandersetzung damit sonst fehlt.

Da kann schnell das Gefühl entstehen, dass Menschen, die BDSM betreiben, missbraucht werden und missbrauchen. Was wir aber hier sehen, ist, dass BDSM streng genommen genau das Gegenteil von Missbrauch ist. Diese Praktiken basieren auf Augenhöhe und Konsens, verlangen ein hohes Maß an Reflexion, Erfahrung, Auseinandersetzung mit eigenen und fremden Bedürfnissen, Hingabe, Wertschätzung und Respekt.

Aber jetzt machen wir einen letzten eher gesellschaftlichen Schritt in die Tiefe:

Das mag wahrscheinlich provokant klingen, aber: Warum sieht unsere Gesellschaft offensichtlich Machtbeziehungen als normal, aber BDSM-Praktiken als eher der „nicht normale“ Sex?

Gesellschaft und Machtbeziehungen

Dieses Thema ist äußerst komplex. Unsere Gesellschaft basiert auf vielen dieser Machtdynamiken. Wenn wir an die strukturellen Machtstrukturen denken, die wir vorher angesprochen haben, können wir schnell merken, dass diese in unserer Gesellschaft überall sind und akzeptiert werden.

Eine Frau*, die nicht arbeiten kann, wie sie es möchte, um ihre Kinder zu betreuen und ihrem Mann „den Rücken freizuhalten“, wäre heute noch kein befremdliches Bild.

Eine Person mit Behinderung, der wegen ihrer Einschränkung mehr abgesprochen wird, als sie tatsächlich könnte, und der deswegen eine leitende Position in einer Firma nicht verliehen wird, ist kein befremdliches Bild.

Eine Person, die in einer Beziehung bleibt, obwohl sie gehen möchte, weil sie die andere nicht enttäuschen will, ist kein befremdliches Bild.

Aber auch genauer in der Machtbeziehung: Dass Menschen, um befördert zu werden, über ihre Grenzen arbeiten, vieles für Leiter*innen tun, sich dann von ihren „Chef*innen“ unter Druck gesetzt fühlen, ist kein befremdliches Bild.

Dass viele Menschen sich bemühen, den Vorgesetzten* „zu gefallen“, ist kein befremdliches Bild.

Das alles wird als „normal“ wahrgenommen, nicht immer gut, aber normal.

Warum?

Machtdynamiken erzeugen Privilegien. Menschen, die in der Machtbeziehung die Kontrolle haben, haben zwangsläufig auch Privilegien. Das ist natürlich ein komplexer Diskurs, aber es ist klar, dass Menschen, die Privilegien haben, diese auch nicht abgeben wollen. Da aber die Menschen, die privilegiert sind, auch diejenigen sind, die die Machtposition annehmen, können sie grundsätzlich das System gut erhalten. Warum wäre sonst das häufig erwähnte Patriarchat noch so präsent in seinen Strukturen?

Menschen, die in einer Machtbeziehung von anderen abhängen, haben die meisten Vorteile daran, die Situation zu ändern, und den kleinsten Handlungsspielraum, während die Menschen, die die Machtposition in der Beziehung haben, die meisten Vorteile haben, die Situation so zu behalten, und den größten Handlungsspielraum.

Wir können als einfaches Beispiel daran denken: Warum konnten sich Frauen* auch bis vor circa 60/70 Jahren schwerer von ihren Männern scheiden lassen? Weil diese keine finanzielle und gesellschaftliche/soziale Absicherung hatten, diese Tatsache hat damals das Machtgefälle noch verstärkt und den Handlungsspielraum der Frauen* noch eingeengt. Aber wir können da an viele Situationen und Beispiele denken.

Die Frage nach dem Handlungsspielraum ist essenziell, um die Möglichkeit einer freiwilligen Entscheidung, also auch von Konsens, überhaupt sicherzustellen. Wenn Menschen in einer Beziehung keinen Handlungsspielraum haben, fühlen sie sich meistens gefangen und können dann schwer freiwillig zu etwas zustimmen, egal, ob sie „Ja“ sagen mögen oder nicht. Deswegen ist die Augenhöhe auch die Basis für den Konsens und auch für BDSM-Praktiken, die ethisch passieren.

Um wieder ein Beispiel aus Beziehungsthemen zu machen: Wenn eine Person bei einer anderen bleibt, auch wenn diese alle Mittel, psychische und physische Möglichkeiten und Absicherungen hätte, um zu gehen, dann ist wahrscheinlich freiwillig da, wo sie ist. Wenn aber eine Person bei einer anderen bleibt, weil sie nicht gehen kann, weil sie sich unter Druck gesetzt fühlt, nicht enttäuschen will, keine finanziellen Möglichkeiten hat, kein soziales Netzwerk außerhalb der Beziehung hat, dann ist das Bleiben wahrscheinlich keine freiwillige Entscheidung.

Wir sehen hier, dass echter Konsens wirklich sehr komplex und vielschichtig ist. Handlungsspielraum zu haben, bedeutet, eine gewisse Sicherheit zu haben, sowohl materiell als auch psychisch und emotional. Diese ist in vielen Machtbeziehungen eben nicht gegeben.

Eine gute Überprüfung des eigenen Handlungsspielraums ist von Fragen unterstützt wie:

  • Fühle ich mich in dieser Beziehung emotional frei?
  • Fühle ich mich in dieser Beziehung materiell frei?
  • Fühle ich mich in dieser Beziehung psychisch frei?
  • Kann ich von dieser Beziehung gehen, ohne Konsequenzen zu befürchten?
  • Kann ich in dieser Beziehung weniger leisten, ohne Konsequenzen zu befürchten?
  • Fühle ich mich frei genug, in dieser Beziehung die „Spielregeln“ anzusprechen und einen         Änderungswunsch anzusprechen, wenn ich es brauche?
  • Ist diese Beziehung frei von einseitigen finanziellen, emotionalen, psychischen, physischen Leistungen?
  • Ist die Beziehung gegenseitig?

Je mehr Fragen mit „Ja“ beantwortet werden, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um keine Machtbeziehung handelt und wir uns darin handlungsfähig fühlen. Diese Fragen sind nur ein Beispiel, jede Situation, Beziehung und Person sind ganz einzigartig und können in einer individuellen Reflexion dann angeschaut werden.

Was wir uns da aber mitnehmen, ist, dass privilegierte Menschen auch dazu tendieren, Privilegien behalten zu wollen. Menschen, die in Machtbeziehungen (egal, ob diese strukturell oder privat sind) die Machtposition und die Privilegien haben, haben auch den größten Handlungsspielraum. Diese Tatsachen machen Machtbeziehungen gesellschaftlich so akzeptiert, stabil und so „normal“.

Am Ende können wir uns kurz die Frage stellen: Wer hat gesellschaftlich mehr Einfluss auf Spielregeln und auf die Frage „Was ist normal?“

BDSM-Praktiken als Machtspiel und Gegenteil von Machtbeziehung

BDSM-Praktiken und Beziehungen, die von BDSM geprägt sind, basieren auf dem Gegenteil von einer Machtbeziehung, und zwar auf Augenhöhe und Konsens. Alle Beteiligten müssen einen gleichen Handlungsspielraum haben, sodass der Konsens echt und freiwillig passieren kann.

BDSM-Praktiken und -Beziehungen spielen aber mit Rollen, die sonst in Machtbeziehungen zu finden sind. Deswegen werden häufig Missverständnisse erzeugt.

Wenn eine submissive Person freiwillig den Konsens zum Nicht-Konsens gibt, sich in der Session unterwirft und gerne der anderen Person den Konsens zu Atemkontrolle während der Session gibt, kann schnell das Bild entstehen, dass sie keinen Handlungsspielraum mehr hat. Das ist aber genau das Gegenteil. Diese Person entscheidet selbstbestimmt, was sie möchte, und genießt die Erfahrung, genau wie die andere Person, die ihren Konsens dazu gibt, die dominante Rolle zu übernehmen und auch zustimmt, diese Erfahrung zu teilen und gemeinsam zu genießen.

Voraussetzung dafür ist natürlich, dass die Menschen, die sich auf eine BDSM-Session einlassen, sich auf Augenhöhe begegnen, ein hohes Maß an Selbstreflexion, klare Kommunikation, Auseinandersetzung mit eigenen und fremden Bedürfnissen haben und miteinander vor, während und nach der Session Wünsche, Bedürfnisse, Erwartungen und eventuelle Verletzungen ansprechen können.

So gesehen basieren BDSM-Praktiken und -Beziehungen auf einem Spiel mit gewissen Rollen, die Lust (unter anderem sexuelle Lust) in den Beteiligten erzeugen, und aber auch auf einer vertrauensvollen, gegenseitigen, selbstbestimmten und einvernehmlichen Begegnung. Genau diese Begegnung erlaubt das lustvolle Spiel mit gewissen Bildern. Auch wenn das widersprüchlich klingen mag: Man kann Angst, Schmerzen, Furcht, Unterwerfung und Hingabe genießen, nur wenn diese keine tatsächlichen Konsequenzen und Schäden verursachen. Das heißt nicht, dass Gefühle und Empfindungen in der Session falsch oder vorgetäuscht sind. Sie sind wahr und deswegen erzeugen sie auch wahre Lust, aber sie sind Teil eines Spiels, das als Voraussetzung Augenhöhe, Konsens, Wertschätzung und Selbstbestimmung hat und keine tatsächliche Machtbeziehung.

BDSM-Praktiken und -Beziehungen sind ein Spiel mit Machtdynamiken und gleichzeitig das Gegenteil einer Machtbeziehung.

Vielleicht lohnt sich die Frage: Warum scheint gesellschaftlich ein bewusstes und selbstbestimmtes Spiel mit Machtdynamiken ungewöhnlicher zu sein als tatsächlich akzeptierte Machtbeziehungen?

(Bild von Unsplash)

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