„Ich will dich und bin dir keine Liebe schuldig!“ – Aus der Reihe „Es ist doch nur Sex“

Warum wird Frauen* oft Begehren abgesprochen?

Frauen* müssen begehrt werden, aber dürfen ihr eigenes Begehren oft nicht frei definieren. Sie sollen attraktiv sein, aber nicht zu sexuell; emotional verfügbar, aber nicht bedürftig wirken; selbstbestimmt, aber bitte innerhalb gesellschaftlich akzeptierter Grenzen, arbeiten, aber gleichzeitig Kinder bekommen und sich dann drum kümmern. Frauen* werden meistens sexualisiert, wenn sie jung sind, dann abgewertet oder unsichtbar gemacht, wenn sie älter werden. Was aber häufig fehlt, ist eine echte Auseinandersetzung damit, was und wen Frauen* begehren. Wem gehört eigentlich die weibliche Lust?

Frauen* als Objekt statt Subjekt ihrer eigenen Sexualität

Eine Frau* soll vieles sein und vor allem sie soll wissen, was der andere möchte, während ihre eigenen Wünsche oft erst dann Thema werden, wenn sie ausdrücklich danach fragt, und auch dann sind diese meistens nicht wichtig.

Da kommen wir schnell zu einem Widerspruch: Die Frau* wird als Objekt des Begehrens adressiert und als Subjekt ihres eigenen Begehrens gar nicht gesehen. Sie ist in ihrer eigenen Lust auch Objekt.

Das ist natürlich nicht bei jeder einzelnen Frau* der Fall. Es geht um gesellschaftliche Muster und Normen, die aber Frauen* und deren Sexualleben beeinflussen könnten, wie auch deren Selbstbild, Beziehungen und Selbstwahrnehmung.

Natürlich erleben Frauen* Sexualität sehr unterschiedlich. Das weibliche Begehren wird nicht grundsätzlich und gänzlich unterdrückt, aber gesellschaftliche Geschlechterbilder können mitprägen, wie Frauen* lernen, ihre Sexualität wahrzunehmen und auszudrücken.

Wenn eine Frau* vor allem lernt, wie sie auf andere wirkt, statt zu erkunden, was sie selbst empfindet, kann sich ihr Blick auf die eigene Sexualität verschieben.

Dann lautet die Frage nicht mehr unbedingt: Was möchte ich?

Was passiert, wenn junge Frauen* immer wieder lernewn, was Sex sein soll, statt zu spüren, was sie wirklich brauchen

Frauen* lernen oft, wie sie zu sein haben. Sehr selten wird Frauen* zugestanden, dass sie sich etwas für sich wünschen, meistens sind sie sonst egoistisch oder kalt. Was macht das aber mit ihnen? Schon die Tradition prägt Frauen* dazu, zu entsprechen. Märchen, Mythen, Religionen, Volksgeschichten usw. stellen gute Frauen* als die „guten Seelen“ dar. Als die perfekten, angepassten Frauen* und dann aufopfernde Mütter. Junge Frauen* werden von den Männern als Bräute und Mütter der Kinder ausgewählt. Sie begehren nicht und niemanden, sie gefallen, werden ausgewählt und tun das, was sie tun müssen, ohne Widerstand zu leisten.

Mit solchen Geschichten wachsen die meisten Mädchen* auf. Und ja, immer noch. In den Kinderserien und -Filmen sind immer noch die hübschen Mädchen* die Protagonistinnen*, die dann gerettet, ausgewählt, bevorzugt, geheiratet usw. werden. Das ist dann völlig egal, ob sie statt im magischen Schloss in einer Highschool in den USA sind.

Was hat das mit Sex zu tun?

Sexualität ist etwas sehr Persönliches und Individuelles. Theoretisch fängt der Zugang zur eigenen Sexualität mit der Erkundung des eigenen Körpers und dem Erkunden des eigenen Begehrens an. Das kann man überall lesen. Nur: Wenn dir immer wieder gesagt wird, wie du für andere sein sollst, kommst du überhaupt dazu? Oder erlebst du Sex und Sexualität eher als Mittel, um zu gefallen? Wenn wir nun Filme, Serien, Bücher, Literatur, Lieder usw. als Beispiel nehmen: Wem gehört hier meistens sexuelle Lust? Wer genießt weibliche Lust? Aus welchem Blickwinkel sehen wir den Sex? Frauen* sind erotisiert und sexualisiert, aber als Lustobjekte da. Selten bekommen wir den Blickwinkel der Frau* selbst. Warum ist es so, dass weibliche Sexualität aus den Augen der Männer gesehen wird?

Was sagen uns gesellschaftliche Normen über weibliche Sexualität?

Der „Blick der Männer“ ist natürlich nicht der Blick des einzelnen Mannes. Gesellschaftliche Normen geben die Perspektive der Menschen wieder, die das System seit Jahrhunderten prägen, und das sind Cis-Männer gewesen. Daher ist dieser gesellschaftliche Blick ein männlicher. Aber natürlich ist hier nie der einzelne Mann gemeint.

Unser ganzes gesellschaftliches System erkennt nur bestimmte Dinge an Frauen* an, wenn es um Sexualität geht: Schönheit und Jugend. Frauen* müssen hübsch, jung und gepflegt sein, sie müssen verführen können, unkompliziert und verfügbar bleiben. Grundsätzlich wäre jetzt die Geschichte schon fertig. Vielmehr müssen Frauen* sexuell nicht leisten.

Wenn wir aber nun diesen Blick ein wenig verbreitern und weiter als auf die Sexualität schauen, dann sollen Frauen* heutzutage schon stark sein, ohne männlich zu wirken, gebildet, ohne zu kritisch zu werden, selbstbestimmt und unabhängig sein, allerdings bindungsfähig bleiben. Was damit unsere Gesellschaft meint? Klar, sie müssen einfach Kinder gebären. Obwohl das Kinderkriegen absolut nichts über die Bindungsfähigkeit einer Person sagt, müssen Frauen*, wenn sie als bindungsfähig gelten wollen, es einfach leisten. Da fährt die Eisenbahn drüber.

Frauen* müssen dann sowohl arbeiten als auch sich um diese Kinder kümmern, sonst sind sie keine guten Mütter. Dass sie dann in ihrer Arbeit, ihren Freundschaften, Träumen, Hobbys usw. zurückstecken, um die Kinder nicht zu früh fremdbetreuen zu lassen oder um für sie emotional und physisch jederzeit verfügbar zu sein, wird natürlich auch erwartet. Sie haben sich schließlich die Kinder gewünscht. Frauen*, die da anders leben, sei es, weil sie keine Kinder haben oder sich nicht rund um die Uhr für ihre Kinder aufopfern wollen oder weil sie ihre Lebensentscheidungen treffen, ohne es „immer für die Kinder“ zu machen, werden sehr oft (auch selbst von anderen Frauen*) abgewertet und kritisiert. Heute immer noch, ja.

Sexuelle Bedürfnisse werden gesellschaftlich, um zu unserem Thema zurückzukommen, ab der Mutterschaft und grundsätzlich bei allen älteren Frauen* völlig irrelevant. Sie gibt es einfach nicht mehr. Darüber wird nicht mehr gesprochen, Frauenkörper werden dann nicht mehr gezeigt. Frauen* sollen sich dann am besten bedecken, weil wer will schon die ältere Frau* halbnackt anschauen? Bis auf ein paar Hollywood-Ausnahmen (die allerdings meistens überall schon chirurgisch operiert wurden und ca. 30 Jahre jünger ausschauen) finden wir absolut kein erotisches Bild mehr einer Frau* ab circa 30 oder Mitte 30 und ab 40 ziemlich sicher nicht. Ist das nicht auffällig, da wir von erotisierten Bildern junger Frauen* wortwörtlich bombardiert sind? Und nein, so selbstverständlich ist es nicht, dass Menschen lieber junge Frauen* anschauen. Es ist in unserer Gesellschaft „normal“, selbstverständlich ist das absolut nicht. Das entspricht auch nicht dem sexuellen Geschmack vieler Menschen.

Das ist so drin im Denken, dass Menschen immer wieder Frauen* sagen: „Du schaust viel jünger aus!“ als Kompliment. Das tun sogar Frauen* untereinander. Sicher ist es sehr gut gemeint, das soll auch nicht als Vorwurf klingen, aber: Warum sollte das ein Kompliment sein? Warum soll die Jugend zwangsläufig was Gutes sein? Man sagt nämlich nicht „Du bist so schön!“ oder „Du denkst so spannende Dinge“, „ich mag, wie du das und das siehst“, sondern „Du schaust viel jünger aus“. Noch weiter? „Eine Frau* fragt man nicht nach dem Alter.“ Warum? Was ist denn so schlimm? Jeder Mensch hat ein Alter. Meistens sagt es nicht viel über Menschen aus, aber wenn man neugierig ist, das Geburtsjahr des Gegenübers zu wissen, finde ich es persönlich geschlechtsunabhängig absolut ein harmloser Wunsch. Aber nein, an Frauen* wird diese Frage nicht gestellt, weil sie nicht in die Verlegenheit kommen sollten, zu sagen, dass sie älter sind? Wie absolut abwertend und gemein ist das? Männer dürfen gefragt werden, weil sie immer weiser und interessanter werden, wenn sie „reifen“. Da aber Frauen* wertlos werden, dann besser nicht nach dem Alter zu fragen. Wow.

An dieser Stelle nur eine kurze Geschichte: Ich wurde von mindestens 4 betreuten Jugendlichen mal gefragt, ob Frauen*, die so 40 oder 50 sind, noch Sex haben (können). Das mag kurz lustig klingen, aber es ist eigentlich zutiefst traurig. Die Sexualität der Frau* ist tatsächlich nur an ihre Schönheit und Jugend gebunden, und das, weil sie (die weibliche Sexualität) aus einem männlichen Blickwinkel betrachtet wird. Weil Frauen* (junge Frauen*) Objekte der fremden und eigenen Sexualität sind.

Wem gehört aber diese Sexualität? Wem gehört weibliche Lust? Und der weibliche Körper? Wem gehört das weibliche Begehren? Und aus welcher Perspektive wird das alles betrachtet?

Wenn wir kurz daran denken, ist das alles ziemlich beklemmend. Frauen* sind dann nur wertvoll, wenn sie gewissen gesellschaftlichen Erwartungen gerecht werden, und das passiert eben auch sexuell. Natürlich sprechen wir hier über gesellschaftliche Normen und nicht die einzelnen Menschen. Diese prägen aber auch das individuelle Denken von vielen, wenn sie nicht hinterfragt werden. Dieser männliche Blick überträgt sich nicht nur auf Sexualität, sondern auch auf das emotionale Sein der Frauen*. Wie?

Warum fallen meistens Frauen* in „diesen“ Mustern?

Erwartungen wirken auf Menschen fremdbestimmend. Außer man kann sich da gut abgrenzen. Meistens können junge Menschen sich weniger gut abgrenzen. Das ist natürlich und sinnvoll, weil Kinder und Jugendliche noch völlig auf Erwachsene angewiesen sind (das ist für ihre Entwicklung notwendig). Als Erwachsene brauchen wir dann alle ein paar Jahre, um das Abgrenzen zu lernen, und das auch nur, wenn uns bewusst ist, dass wir es lernen wollen. Und uns völlig von fremden und gesellschaftlichen Erwartungen zu lösen, ist oft nicht möglich oder wenigstens sehr schwierig. Wenn wir aber nun an die Erwartungen an Mädchen* und Frauen* denken, dann können wir uns vorstellen, auf welche Art und Weise diese fremdbestimmend wirken. Und das seit Jahrhunderten. Das macht die Sache noch komplexer.

Frauen* lernen oft leider, das eigene Leben durch den Blick von anderen zu leben, weil sie entsprechen müssen. Anerkennung ist für alle etwas Schönes und Wünschenswertes, aber wenn diese (gesellschaftliche) Anerkennung das Zentrum des eigenen Lebens wird, ist das sehr einschränkend.

Wie oft denken wir Frauen* schnell mal „Bin ich hübsch/interessant/spannend/lustig/sexy/intelligent/weiblich/stark/liebevoll usw. genug?“ oder „Habe ich etwas Falsches gemacht?“ statt „Was will ich eigentlich?“. Die Fragen „Hat es ihm*ihr gefallen, wie ich bin?“ oder „Passt es, wie ich bin?“ fallen einem viel schneller ein als „Hat es mir gefallen, wie die Situation gewesen ist?“ oder „Habe ich mich mit ihm*ihr wohlgefühlt?“. Dieses Fremdbestimmungsmuster ist keine Seltenheit. Mir ist es jahrelang so gegangen, und wenn ich nicht gut auf mich achte, passiert es mir immer wieder, dass ich dahin reinrutsche. Und ich traue mir mal zu behaupten, dass es fast allen Frauen*, die diesen Beitrag lesen, so gegangen ist oder/und geht.

Wohin führt aber diese Fremdbestimmung? Wenn Frauen* eine Bestätigung bekommen, wenn sie anderen gefallen, und sie so erzogen werden, dass das auch wünschenswert ist, dann wird diese Bestätigung zur Priorität, auch wenn die eigenen Bedürfnisse unerfüllt bleiben. Das ist emotional wie sexuell oft sehr dramatisch.

Bestätigung von außen bedeutet oft, dass man gesehen wird. Das wirkt sich positiv auf den Selbstwert aus. Die Gleichung Begehrt-Werden = Gesehen-Werden = Geliebt-Werden ist dann nicht so weit hergeholt. Das heißt aber, um zu unserem Thema „Sex“ zurückzukommen, dass Frauen* sich häufig gesehen und etwas wert fühlen, wenn sie sexuell gewollt werden, weil das oft durch den fremdbestimmten Blick auch bedeutet: „Du bist geliebt“. Natürlich ist es schön, wenn wir von einer geliebten oder mindestens sexuell gewollten Person auch sexuell gewollt werden. Das ist keine Frage, Gegenseitigkeit ist immer ziemlich angenehm. Aber das Begehrt-Werden ist nicht gleich wie das Geliebt-Werden und vor allem: Wo bleibt unser Begehren? Warum ist es hier nie zentral, was wir Frauen* fühlen und wollen? Sondern immer, dass wir gewollt und begehrt werden?

Wenn Frauen* häufig das Geliebt-Werden durch die fremde Bestätigung und durch das Begehrt-Werden zu fühlen lernen, was passiert, wenn sie fürchten müssen, dass sie diese Aufmerksamkeit (im Sinne von romantischem und vor allem sexuellem Interesse) verlieren? Für Frauen* können dann das Nicht-(Mehr)-Entsprechen oder Nicht-(Mehr)-Begehrt-Werden Auslöser von Ängsten sein und vom Gefühl, nichts mehr oder jedenfalls weniger wert zu sein.

Die eigene Sexualität könnte dann durch den fremden Blick erlebt werden, also vom eigenen Begehren abgekoppelt. Menschen sind dann in diesem Fall stets bemüht, dem*der anderen zu gefallen, um die Liebe nicht zu verlieren. Die möglichen Kosten davon?

. Sie haben Sex, weil sie nicht enttäuschen möchten.

. Sie haben Sex oder tun sexuell etwas, weil sie dem*der anderen gefallen wollen.

. Sie zeigen sexuell keine Unsicherheit, weil sie nicht „kompliziert“ wirken wollen.

. Sie bleiben sexuell verfügbar, obwohl sie gerne Verbindlichkeit hätten, weil sie nicht „zu ernst“, sondern „leicht“, „sexy“ und „lustig“ wirken wollen.

. Sie akzeptieren emotionalen Rollen, die sie eigentlich nicht möchten, weil sie weiterhin sexuell begehrt (und schließlich geliebt) werden wollen.

. Ältere Frauen* zwingen sich, jünger zu wirken und über die eigenen Grenzen sexuell verfügbar zu bleiben, um nicht abgelehnt und mit einer Jüngeren ausgetauscht zu werden usw.

Sex kann mehrere und unterschiedliche Bedürfnisse erfüllen, das nach Lust, Spiel, aber auch das nach Zuneigung, Nähe und Zuwendung. Sex kann viel Raum für Kreativität und Gestaltung bieten, beim Sex können Menschen spielen, genießen und sich möglicherweise auch nahekommen und lieben. Alles ist möglich. Was Sex nie sein sollte, ist die Münze dafür, geliebt und angenommen zu werden. Der Sex sollte für keinen Menschen die Gegenleistung für die Liebe sein. Nicht, weil es falsch ist, sondern weil es wehtut.

Das ist aber für viele Frauen* so, natürlich nicht für alle. Einige haben sich sicher nie so „gefangen“ gefühlt, andere „befreien“ sich dann aus dieser Sache, aber für viele ist es so. Und niemals heißt es, dass „diese“ Frauen* dann schwach oder nicht selbstbewusst genug sind.

Das Problem sind nicht die Menschen selbst, sondern, dass Menschen und in diesem Fall meistens Frauen* der Raum nicht gegeben wird, ihre Gefühle und Bedürfnisse zu spüren und diese ernst zu nehmen, sondern von ihnen erwartet wird, dass sie sich an gesellschaftliche oder allgemein fremde Erwartungen anpassen. Wenn man in dieser Fremdbestimmung gefangen bleibt, ist das nie eine Schwäche.

In einem Bereich wie dem der Sexualität, worüber kaum jemand spricht, der immer noch sehr schambehaftet ist, der gesellschaftlich so normativ dargestellt wird und in dem man körperliche Empfindungen erlebt, ist das alles dann relativ „gefährlich“ und kann Tür und Tor für Missbrauch öffnen.

Worüber niemand spricht, ist anfälliger für Missbrauch. Wir bekommen das Gefühl gesellschaftlich, dass wir „zu private“ Dinge für uns behalten sollen, so bleiben wir damit auch allein. Es ist immer noch akzeptierter, wenn man sagt: „Ich koche jeden Tag für meine Familie, obwohl ich überhaupt keine Lust dazu habe“, statt: „Ich schlafe mit meinem Mann, obwohl mir das überhaupt nicht gefällt, um ihn nicht zu enttäuschen.“ Aber vielleicht wäre es wichtig, dass Menschen auch das zweite aussprechen dürfen.

Das heißt nicht, dass alle Frauen* es erleben, das ist klar. Es gibt sicher viele Frauen*, die ihre Sexualität und ihr sexuelles Begehren frei und selbstbestimmt leben oder das dann im Laufe des Lebens gelernt haben. Gesellschaftlich ist es aber immer noch so, dass Frauen* häufiger lernen, ihr sexuelles, emotionales und geistiges Leben nach fremden Erwartungen auszurichten, als Männer es tun (müssen).

Dieses Thema ist sehr komplex und empfindlich, weil körperliche Erfahrungen sehr nah, unmittelbar und daher auch so verletzend sein können, wenn sie trotz Unlust geschehen. Andererseits löst das Thema auch Ambivalenz aus, weil es selbst ambivalent ist. Fremdbestimmung bringt nämlich Menschen dazu, zuzustimmen zu etwas, das sie vielleicht nicht möchten oder anderen gerecht zu werden noch bevor man sich selbst und die eigenen Bedürfnisse spürt. Wie im echten Leben aussehen könnte?

Wenn eine Frau* beispielsweise „Ja“ zu einer neuen sexuellen Praktik sagt, obwohl sie unsicher ist, weil sie Angst hat, dass der Freund sonst „eine Spannendere“ findet, wenn eine Frau* „Ja“ zu etwas Sexuellem sagt, das sie nicht mag, weil sie Angst hat, sonst verlassen zu werden, wenn eine Frau* „Ja“ zum Sex sagt, weil sie sonst fürchtet, dass der Mann sie mit einer lockeren und jüngeren Frau* austauscht, dann ist das kein Konsens! Niemals.

Ich sage nicht, dass Männer sonst wirklich diese Dinge tun würden, vor denen sich Frauen* fürchten, oder dass sie damit drohen würden. Sonst würden wir über sexuelle und psychische Missbraucher reden. Aber das „Ja“ ist und bleibt in diesen Fällen kein echter Konsens, und dieser Sex ist dann nicht einvernehmlich, sondern missbräuchlich. So wird er auch in solchen Fällen meistens von Frauen* erlebt.

Umgekehrt:

Man ist bei einer freien Entscheidung bei sich selbst und frei von Erwartungsdruck, wenn man sie trifft und frei von Angst vor Konsequenzen, wenn man sie nicht trifft. Dann wäre es Konsens, egal wie sich die Person dann entscheidet. Wenn man aber zu etwas zustimmt, weil man Angst hat, entsprechen oder nicht enttäuschen will usw., dann ist es kein Konsens. Da gibt es auch keine Schuldfrage, es ist nur eine Reflexion. Und ja, auch wenn Frauen* in diesen Situationen „Ja“ sagen oder so tun, als hätte ihnen der Sex gefallen, sind sie auch da nicht „selbst schuld!“.

Weil wir Frauen* es auch so lernen, dass wir entsprechen müssen, um geliebt zu werden, und wir wollen doch alle geliebt werden!

Ich schulde dir keine Liebe!

Und jetzt wechseln wir die Perspektive!

Was passiert, wenn wir Frauen* von unserem Begehren ausgehen, statt davon, dass wir auf alle Fälle begehrt werden müssen und begehrenswert bleiben müssen?

Das kann auch erst mal Angst machen und Unsicherheit auslösen. An dieser Stelle möchte ich auch betonen, dass bei solchen oben genannten Mustern natürlich auch die biografischen Erfahrungen eine große Rolle spielen. Diese wären zum Beispiel in einer psychosozialen Beratung, aber auch in vielen anderen Kontexten relevant. Da aber ein Blogbeitrag etwas Allgemeines bleibt und biografische Erfahrungen immer etwas Individuelles sind, habe ich mich ganz bewusst auf die gesellschaftlichen Normen beschränkt, die diese Fremdbestimmung unter anderem verursachen können.

Aber zurück zu unserem Perspektivwechsel. Wenn wir Frauen* uns fragen, was und wen wir begehren, setzen wir uns mit dem auseinander, was wir uns wünschen.

  • Was sind meine sexuellen Fantasien und Gedanken?
  • Was gefällt mir körperlich, wenn ich mit mir selbst Sex habe?
  • Was gefällt mir körperlich, wenn ich mit wem anderen Sex habe?
  • Was möchte ich ausprobieren und was nicht?
  • Wen mag ich überhaupt körperlich?
  • Was brauche ich vom Sex? Was brauche ich durch den Sex?
  • Wann ist für mich Sex angenehm?
  • Was ist für mich beim Sex angenehm?
  • Mit wem ist das so und mit wem ist es anders?
  • Kann ich meine Fantasien aussprechen?
  • Mit wem kann ich das und mit wem nicht? Wieso?
  • Wenn ich meine Fantasien und Wünsche ausgesprochen habe: Probiert mein*e Partner*in die gewünschten Dinge gerne mit mir aus?
  • Wünsche ich mir sexuelle Exklusivität oder eher nicht?

Das sind nur Beispiele dafür, welche Fragen diese Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität aufwerfen könnte. Das ist natürlich nicht immer so einfach. Wenn wir anfangen, nicht mehr zu entsprechen, von uns auszugehen und zu unseren Bedürfnissen zu stehen, könnte es auch sein, dass wir unsicher werden und Angst vor Konsequenzen (wie Ärger, Liebesentzug, fremder Enttäuschung, Verlassenwerden, Abwertung usw.) bekommen.

Meistens reagieren Menschen besser, als wir denken, wenn wir aufhören zu entsprechen und sie sogar ein wenig enttäuschen. Und wenn nicht? Wenn Menschen uns tatsächlich „schlecht behandeln“ oder „bestrafen“ oder „nicht mehr mögen/lieben“, weil wir sie „enttäuschen“, dann ist die Überlegung legitim: War diese Beziehung zu dieser Person wirklich so wichtig und wahr? Hat diese bestimmte Person uns wirklich geliebt, gemocht und geschätzt? Oder hat sie vielmehr das geliebt, gemocht und geschätzt, was wir ihr gegeben haben? Auch wenn es wehtut, lohnt es sich, diese Beziehungen zu hinterfragen, wenn wir welche davon haben.

Diesen Prozess muss keine Frau* allein machen. Natürlich ist in diesen Fällen auch die psychosoziale Beratung eine mögliche Begleitung. Oft kommt es in der Zusammenarbeit mit Frauen* zu diesem Prozess: Will ich überhaupt noch entsprechen? Vor allem bei sexuellen Themen kann eine unbeteiligte Begleitung angenehmer sein, falls diese mit Scham verbunden sind.

Aber grundsätzlich, unabhängig von meinem Beruf oder einem professionellen Kontext: Wenn wir Frauen* uns einander weniger abwerten, vergleichen und kleinmachen würden (wer hübscher, gepflegter, jünger aussehend, bessere Mutter, besser organisiert, stärker, weiblicher, erotischer, unabhängiger, emanzipierter usw. ist), sondern uns mehr unterstützen und schätzen würden, wären wir in diesen Prozessen alle weniger allein. Dass Frauen* so unterschiedlich leben und sind, ist eine unglaubliche Stärke für uns alle. Das ist wirklich nicht nur dahingesagt. Wir können voneinander sehr viel lernen und uns gegenseitig Kraft mitgeben, wenn wir uns einander auch als Ressource sehen würden. Ich finde sogar, dass es dann sehr oft zu einer gegenseitigen Bewunderung kommt. Frauen* meistern ihr Leben echt toll und sie gestalten es so unterschiedlich und kreativ! Einfach mal im eigenen Umfeld sich umschauen.

(Bild von Unsplash)

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